Ich liebe den schwarzen Humor und schon deshalb steht David Černý mit seinen Kunstwerken, die besonders Politiker und politische Themen stark ironisieren, bei mir hoch im Kurs. In Prag bin ich auf Erkundungstour zu den Kunstwerken des Bildhauers gegangen. Kommt mit zu hässlichen Babies, tot von der Decke hängenden Pferden und einem Sigmund Freud, der wie Mary Poppins daherkommt.

David Černý ist wahrscheinlich der bedeutendste Bildhauer aus Tschechien – wenn nicht zumindest der meistdiskutierte. Erstmals bin ich auf ihn in Leipzig durch sein Werk „Quo Vadis“ aufmerksam geworden. Der Trabant mit vier Füßen steht dort im Zeitgeschichtlichen Forum, dem Museum für die Nachkriegsgeschichte und die friedliche Revolution, das übrigens kostenlos und sehr zu empfehlen ist. Gleiche Skulptur findet man auch in Prag im Garten der deutschen Botschaft, wo 1989 tausende Flüchtlinge aus der DDR kampierten, bis der damalige Außeminister der Bundesrepublik und Ur-Hallenser Hans-Dietrich Genscher den wohl berühmtesten nicht zu Ende gesprochenen Satz sprach („Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“).

Černý jedenfalls vermag es seine Kunst provokant in Szene zu setzen. Auch „Entropa“, eine Skulptur die der Prager zu Beginn der Ratspräsidentschaft Tschechiens in der EU aufstellen ließ, erregte heftige Diskussionen. Deutschland besteht aus Autobahnen in Hakenkreuzform, Belgien ist eine Pralinenschachtel und sein Heimatland lediglich eine riesige LED-Leinwand bespielt mit Parolen des damaligen Präsidenten Vaclav Klaus. Bulgarien bestand gar vollständig aus Stehtoiletten. Heute steht das Kunstwerk in einem Naturwissenschaftsmuseum in Plzen.

In Prag hingegen finden sich jedoch noch einige Kunstwerke Černýs. Weithin sichtbar sind die Babies, die den Prager Fernsehturm in Žižkov hinauf- und hinunterklettern. Die „Miminkas“ wurden 2000 dort angebracht und lösten damals heftige Diskussionen aus – was für eine Überraschung, nicht wahr? Ich finde die Babies passen eigentlich gut zum Turm. Das Gebäude ist selbst sehr freakig und wird regelmäßig zu den hässlichsten der Welt gezählt, was es schon wieder cool macht. Das abstoßende an den Babies ist ihr Gesicht, das wahlweise wie eine, pardon, Arschritze aussieht oder wie eine Fußball ohne Luft. Etwas angsteinflößend, aber die Prager haben sich damit arrangiert und sogar auch mit dem Turm selbst. Die Aussicht, die zwar nicht ganz billig ist, entschädigt übrigens für den Anblick.

Schon mal auf einem Riesenbaby geritten?

Schon mal auf einem Riesenbaby geritten?

Die Babies finden sich auch rund um das Kunstmuseum auf Kampa, der kleinen Moldauinsel, die entlang der Kleinseite und unterhalb der Karlsbrücke verläuft. Hier kann man mit den Kunstwerken auch seinen Spaß haben und Fotos in verschiedenen Posen machen und wahlweise auch die Babies als Hannibals Elefanten missbrauchen. Ich bin mir sicher Cerny hat nichts dagegen.

Gleich nebenan ist auch das Mühlencafe. Das Café mit seiner urigen Einrichtung direkt auf der Kulturinsel ist ein beliebter Künstlertreff. Die Räume sind zwar auch nachmittags schon verraucht, aber es entschädigen interessante Ausstellungen und der leckere Medovník, tschechischer Honigkuchen. Die Einrichtung selbst ist schon ein Kunstwerk.

Prost!

Prost!

Den schwarzen Humor Černýs findet man auch vor dem sehr zu empfehlende Kafkamuseum. Dort stehen als Springbrunnen getarnt zwei schlanke Manneken Pis und schiffen munter in eine Eisenform, die sich bei genauer Betrachtung als der Umriss Tschechiens entpuppt. Auch hier gibt es wieder prima Möglichkeiten sich einen Schabernack mit den Figuren zu bereiten. Das Wasser ist übrigens Trinkwasser!

Černý hat übrigens auch das Moldauwasser genutzt, um ein etwas provokantes Boot zu Wasser zu lassen. Ein Stinkefinger der zur Prager Burg reicht, um den „Kommunisten auf der Burg“ seine Meinung mitzuteilen.

Auf der anderen Seite der Moldau in der Nähe der Karlsbrücke finden sich dann auch gleich zwei weitere Kunstwerke Černýs. Zunächst begegnet man dem „Embryo“, der wie ein Kokon an einer Dachrinne an der Hauswand des Divadlo na Zabradli hängt. Angeblich soll es nachts leuchten, was ich leider nicht überprüfen konnte.

Da hängt ja einer!

Da hängt ja einer!

Ein paar Mal um die Ecke hängt Sigmund Freud. Ja genau. Der weltberühmteste Psychoanalytiker und Erfinder der Couch als psychologisches Instrument hängt an einer Stange über einer Gasse und schwingt im Wind. Das ist nicht nur unfreiwillig komisch. Es erinnert an Mary Poppins am Regenschirm.

Und auch das auf der Tour letzte Kunstwerk ist wieder eine Reminiszenz an die Nationalkultur der Tschechen. Černýs Interpretation des heiligen Wenzels, dem Nationalheiligen der Tschechen, lässt ihn ebenfalls auf einem Pferd thronen. Anders als auf dem Wenzelsplatz, wo der Heilige stolz auf dem Hengst sitzt, hängt neben dem Kino Lucerna nur ein Gaul tot von der Decke. Mit den Beinen des Pferdes nach oben gehangen, sitzt Wenzel hier auf dem Bauch des Pferdes, das grotesk überzeichnet ist. Eine typische Parodie für Černý und ein guter Abschluss für eine Kunsttour. Nach dem langen Marsch lohnt sich ein Besuch im Lucerna, einem der ältesten Kinos der Welt.

Tipps: Neben den genannten Kunstwerken findet sich auch die Skulptur „Brownnosing“ in der Galerie Futura als Dauerausstellung. Dort kann man über eine Leiter seine Nase in den Hintern zweier Figuren stecken.

Auch hat Černý weitere Kunstwerke in Prag gezeigt. Hierzu gehört der tote Saddam Hussein in einem Formaldehydbecken in Anlehnung an den Hai von Damien Hirst sowie der sich drehende rote Totenschädel, der früher auf dem Kunstzentrum DOX installiert war. Ob diese Kunstwerke noch zu sehen sind, konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen.

Über sachdienliche Hinweise und eure Meinung zu der Kunst von David Černý freue ich mich in den Kommentaren.

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Posted by Peter Althaus

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4 Comments

  1. Das Pferd habe ich letzte Woche auch gerade gesehen. Schön dass ich jetzt auch die Geschichte dazu weiß 😉

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  2. Halo Peter, ich bin mehr oder weniger aus Versehen mit meiner Tochter über die Cerny-Kunst gestolpert. – bei dem, was ich gern positives Verlaufen nenne. Noch habe ich nicht alle gefunden, aber dank deiner Infos werde ich die restlichen auch noch sehen. 😉 Ich da nicht noch der Trabi mit den Beinen in der Aufzählung vergessen? Und weißt du vielleicht, wo dieser Riesentisch von ihm steht – wohl eine Bushaltestelle in Liberec? Aber wo genau??

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    1. Hallo Ute!
      Also positives Verlaufen ist eine schöne Beschreibung! Den Trabi hab ich nicht vergessen, ich hab ihn noch nicht gesehen. Als Blog, versuche ich vor allem Dinge aufzuzählen, die ich gesehen habe. Falls Du ihn suchst, er ist in der Vlašská 19.
      Das Kunstwerk Tram-Stop soll wohl neben der Bibliothek in Liberec sein. Ich hab allerdings nur die genauen Geodaten gefunden: 50.771, 15.059361. Gern mal bei Google Maps reinkopieren, dann bekommst Du es angezeigt.
      Hoffe das hilft Dir weiter!
      LG, Peter

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