Statt mich über polnische Straßen zu quälen habe ich diesmal die Fähre Kiel Klaipeda von DFDS Seaways gewählt, um nach Litauen zu kommen. Das war nicht nur stressfreier – ich war zu meiner Freude auch schon früher in Litauen als gedacht.

Wie ein dicker Pottwal kleine Fische, so schluckt die Victoria Seaways Autos, die langsam über ihre Laderampe rollen. Es geht drei Stockwerke nach unten. Einmal muss ich zurücksetzen, um die Kurve zu kriegen. Im untersten Autodeck steht ein Langhaariger mit einer Warnweste und einer Trillerpfeife und weist mich ein. Einen anderen Autofahrer, der etwas unbeholfen ist, pfeift er wild an. Ich habe Glück und parke wie gewünscht. Immer mehr Autos kommen die Rampe runter, während ich meinen Rucksack schon aufgesetzt habe und die Tür zum Treppenhaus öffne.

Fast genug Platz zum Fußballspielen auf dem Oberdeck.

Fast genug Platz zum Fußballspielen auf dem Oberdeck.

Sprachen an Bord: Sprachkenntnisse auffrischen

Fünf Stockwerke geht es für mich nun über Metalltreppen nach oben. Dort befindet sich die Rezeption meiner heutigen Fähre nach Klaipeda in Litauen. Ich lege meine Boardingkarte auf den Tisch und werde freundlich mit „Guten Tag“ begrüsst. Ich antworte hingegen mit der litauischen Erwiderung „Laba diena“ und bekomme daraufhin meine Zimmerkarte und ein paar Infos auf Litauisch erklärt. Wie ich mich freue. Litauisch ist bis heute meine Lieblinsgssprache und wird leider viel zu selten gesprochen, als dass ich sie öfter üben könnte.

Meine Kabine ist auf Deck 7, was sich im Nachhinein als Glückgriff erweist, denn dort gibt es nur wenige Kabinen. Ich öffne die Tür mit der Karte. Drinnen begrüßt mich ein freundliches Holzinterieur. Rechts und links unten in der Kabine sind die Betten vorbereitet. Oben darüber gibt es weitere Klappbetten, die jedoch verschlossen sind. Ich habe eine Innenkabine. Auch die Toiletten und die Dusche sind geräumig und sauber.

Oberdeck statt Überholspur

Zugegeben, ich habe mich auf den Trip mit der Fähre von Kiel nach Klaipeda gefreut. Wer einmal durch Polen gefahren ist, der weiß wie anstrengend die Fahrt sein kann. Rund 16 Stunden hätte ich bis Vilnius gebraucht – wenn alles glatt läuft. Neben Spritkosten kommen noch Mautgebühren für die polnische Autobahn hinzu. Immerhin gibt es endlich eine zwischen Berlin und Warschau. Vor fünf Jahren war sie noch nicht vollständig fertig. Bei meinem ersten Besuch in Litauen vor 10 Jahren war daran noch nicht mal zu denken. „In Polen lernst du überholen“, hieß damals das Leitmotto unseres Fahrers Micha. Und glaubt mir, ich habe gelernt – mit viel Adrenalin.

Das erste Svyturys seit vier Jahren gab es an Bord.

Das erste Svyturys seit vier Jahren gab es an Bord.

Das erste litauische Bier nach vier Jahren

Heute ist es zum Glück anders. Ich habe mein Auto nach der Fahrt nach Kiel (5 Stunden von Weimar) geparkt und überlass das Steuer dem Kapitän. Um abzuschalten gehe ich gleich nach draußen auf das riesige Außendeck. Die Sonne scheint grell. Der Hubschrauberlandeplatz könnte auch als Fußballfeld dienen. Von der Reling hat man einen tollen Blick auf den Kieler Hafen und die Förde. Der Himmel ist heute extrem blau. Das passt wunderbar zum Blau, Gelb und Weiß des Schiffes. Gegen 14.30 Uhr ertönt das Schiffshorn und die Motoren pressen einen kräftigen Strudel gegen das Kai. Zur Begrüßung auf diesem litauischen Schiff gönne ich mir das erste frisch gezapfte Svyturys seit Jahren. Svyturys ist das wohl bekannteste Bier Litauens und auch eines der besten, wie ich finde.

Atom-U-Boot verschlafen

Ungefähr 30 Minuten dauert die Ausfahrt aus der Kieler Förde. In der Ostsee gibt es regen Verkehr. Die Strecke gehört zu einer der meistbefahrenen Schiffsrouten der Welt. Neben Fähren einiger anderer Linien gibt es Gas- und Öltanker und Frachtschiffe zu sehen. Schiffe schaue ich mir zwar ganz gern an, aber ich hau mich jetzt doch lieber etwas aufs Ohr. Später wird man mir erzählen, dass in dieser Zeit gar ein russisches Atom-U-Boot neben der Victoria Seaways über Wasser gefahren ist. Das passiert wenn man an Bord einer Ostseefähre schläft.

Typisch Litauisch: Basketball und Dill

Am frühen Abend läuft auf einem der Fernseher ein Basketballspiel der Nationalmannschaft von Litauen. So beliebt in Deutschland Fußball ist, ist Basketball in Litauen. ich fühle mich, als ob ich schon halb dort wäre. Am Abend gibt es ein reichhaltiges Buffet im Selbstbedienungsrestaurant. Viele Gerichte enthalten, auch wieder typisch Litauisch, Dill. Wer Dill nicht mag, der muss sein Essen davon freikratzen. Entschädigen kann dafür aber ein Fensterplatz im Bordrestaurant. Dann hat man den gleich Blick wie der Kapitän, lediglich 3 Stockwerke tiefer. Mit direkter Sicht auf den Bug, wie er die Wellen bricht. Die sind zugegebenermaßen heute eher rar. Die See ist extrem still. Selbst für Ostseeverhältnisse. Das Schiff bewegt sich nicht mal so stark wie ein Nachtzug.

Nach Mitternacht konnte man die Stille auf dem Zwischendeck am besten genießen. Hier gab es auch Bänke zum Hinsetzen.

Nach Mitternacht konnte man die Stille auf dem Zwischendeck am besten genießen. Hier gab es auch Bänke zum Hinsetzen.

Zwei von Sehnsucht Geplagte

Am Abend trinke ich gemütlich ein paar Bier mit einem Holländer. Wir tauschen uns über die anstehenden Ruderweltmeisterschaften aus, die im litauischen Trakai ausgetragen werden. Gegen 2 Uhr gehe ich ins Bett. Im Zimmer liegt bereits ein Litauer, der von der Arbeit in Großbritannien kommt. Martinas weiß nicht, ob er diesmal nicht gleich in Litauen bleibt. „Ich habe etwas gespart. Und ich will gute Schulen für meine Kinder. Sie sollen in Taurage bleiben können“, sagt er. Das höre ich auch oft von meinen litauischen Freunden. Die Löhne sind niedrig aber trotzdem wollen alle wieder zurück. Auch ich hab diese innere Sehnsucht in das „Land des Regens“ zurückzukehren. Vier Jahre lang war ich nicht mehr dort, aber oft genug habe ich daran gedacht. Auch dazu habe ich Zeit in meiner Koje. Unsere 4er-Kabine bleibt nur zu zweit belegt. Das ist auch bei anderen Reisenden so.

Die Kabinen waren gemütlich eingerichtet. Das nächste Mal nehme ich aber eine Außenkabine.

Die Kabinen waren gemütlich eingerichtet. Das nächste Mal nehme ich aber eine Außenkabine.

Keine Walgesänge im Bauch des Pottwals

So sympathisch ich Martinas finde, so laut schnarcht er aber auch. Geschlagene drei Stunden hält er mich mit seinem zufriedenen Grunzen vom Schlafen ab. Ich muss an einige in Elektronikmärkten angebotene Entspannungs-CDs mit Walgesängen denken. Auch wenn ich lieber meine absolute Ruhe habe, wären mir Walgesänge lieber. Aber in der Ostsee gibt es wohl auch nicht so viele und Martinas‘ Schnarchen hat mit Walgesängen so viel gemein, wie eine Kreissäge mit einer Sonate von Čiurlionis. Gegen 5 Uhr schlafe ich dann doch irgendwann ein. Gegen Mittag kommen wir in Klaipeda an. Als uns der Wal wieder ausspuckt bin ich glücklich wie lange nicht mehr. Ich bin in Litauen.

Um eine noch entspanntere Fahrt mit der Fähre zu bekommen, geb ich euch hier meine Tipps für eine relaxte Fahrt.

Hinweis: Auf die Fährfahrt wurde ich von DFDS Seaways eingeladen. Dafür herzlichen Dank. Die redaktionelle Verantwortung für den Beitrag verbleibt allein bei mir.
Auf der Rückfahrt hatte ich übrigens einen auch sehr freundlichen Kabinennachbar – ebenfalls Litauer und völlig ohne Schnarchgeräusche.

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Posted by Peter Althaus

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3 Comments

  1. Hallo,
    ein wirklich sehr schöner Reisebericht. Danke dafür. Auch die Bilder von der Fähre sind sehr schön.

    Grüße
    Brigitte

    Antworten

  2. Peter Pauls Juni 8, 2015 at 14:57

    Hallo hier auch ein Peter,
    wir fahren vom 10.6 mit der Fähre nach Klaipeda und dein Bericht hat uns schöne Einblicke verschafft.
    Wir werden mit dem PKW 4 Wochen Königsberg, die russische Seite rauf nach Tallin und an der Westseite wieder runter nach Klaipeda touren und hoffendlich viel erleben.

    Gruß
    Peter Pauls

    Antworten

    1. Hallo anderer Peter!
      Das ist eine sehr schöne Tour, die ihr da geplant habt. Die will ich auch bald gern mal wieder machen!
      Viel Spaß dabei und schickt gerne mal ein Foto!
      Lieben Gruß,
      Rooksack-Peter

      Antworten

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