Es ist gegen 8 Uhr morgens als mein Handy vibriert. Ich hatte es in der Nacht vergessen auszustellen. Ein heftiger Kopfschmerz durchfährt meine Glieder als ich nach dem Handy greife. Es war spät am Abend zuvor. Das Display zeigt „Aiste“ an. Ich wundere mich, warum sie so früh anruft aber nehme ab. „Hey, bist Du fertig? Wir sind da“, sagt sie. Ich verstehe nicht so ganz wovon sie redet. „Was meinst Du, ob ich fertig bin?“, frage ich noch völlig schlaftrunken. „Na, wir wollen heute Fallschirmspringen gehen“, meint sie. Plötzlich lichtet sich der Schleier und mir fällt ein wovon sie redet. In meinem jugendlichen Übermut habe ich am Abend zuvor aus Spaß zugestimmt, dass ich zum Fallschirmspringen mitkomme. Ich habe mich ewig gesträubt und dann um das Gespräch abzuwürgen gemeint, dass ich irgendwann mitkommen würde.

Nun sitze ich mehr oder weniger im Bett und versuche alle möglichen Fluchtmöglichkeiten aus dieser Situation durchzugehen. Doch leider wiederholt Aiste nochmal. „Wir stehen schon um die Ecke. Kommst Du?“ Da komme ich wohl nicht mehr raus. Ich erbitte wenigstens noch ein paar Minuten für eine Dusche. „Beeil Dich“, meint Aiste. „Verdammtes litauisches Bier“, nuschele ich vor mich hin.

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Mit dieser alten Antonov 2 ging es auf 1200 Meter Höhe.

Dann sitze ich auch schon im Auto. Rund eine halbe Stunde später rollen wir über eine Landstraße und biegen dann in einen Feldweg ein. Am Ende des Weges steht ein Doppeldecker und eine Propellermaschine auf einer Rasenfläche. Daneben eine Baracke aus Stein und eine Halle. Beim Aussteigen werden schon von einem der Leute begrüßt – es ist unser Instrukteur Audrius. Statt eines Tandemsprungs habe ich einen Solosprung gebucht. Vorteil: Es geht nicht so hoch hinaus und der Fallschirm öffnet sich von allein.

Rund vier Stunden üben wir nun trocken, was oben dann später nur rund 2 Minuten dauert. Audrius zeigt uns zunächst, wie wir den Fallschirm bedienen müssen. Und was passiert, wenn sich unser Fallschirm nicht öffnen oder ins Trudeln kommen sollte. „Dann müsst ihr ihn hier lösen und den Reservefallschirm öffnen. Es muss schnell gehen. Ihr habt nur ein paar Sekunden Zeit“, sagt er. Mir wird flau im Magen. Dann erklärt er uns noch, wie wir den Fallschirm steuern und das wir nicht zu sehr in eine Richtung lenke sollen, da der Fallschirm sonst abkippen kann.

Nach den zwei Stunden gehen wir dann endlich über die Wiese zu einem alten gelben Doppeldecker. Der Fallschirm ist ein rund 10 oder 15 Kilo schwerer Rucksack und ich habe ihn schon auf dem Rücken. Auf dem Kopf trage ich so etwas wie eine Badekappe. Das Flugzeug ist eine Antonov 2, kurz A-N-Dwa genannt. Sie wurde in den 50ern gebaut und war oft als Agrarflieger oder kleines Transportflugzeug im Einsatz. Nach ein paar Minuten, als alle drin sind, schmeißt der Pilot den Motor an. Auch unser Instrukteur ist dabei. Wir sitzen derweil wie Hühner auf einer Bank, als die Maschine über den Acker holpert und dann doch abhebt. Nun gibt es kein Zurück mehr. Wir kreisen in der Luft, bis der Pilot das Signal gibt, dass wir nun auf rund 1200 Meter, unserer Absprunghöhe sind. Ich habe keine Ahnung, wie lange es gedauert hat. Es scheint wie eine Ewigkeit zu sein, während ich Stoßgebete absetze.

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Beim Fallschirmspringen in Litauen geht es rasant zu Boden.

Dann geht alles ganz schnell. Audrius öffnet die Tür und schaut nach draußen. Zum ersten Mal kann ich den Boden sehen. Es ist verdammt hoch. Ich bin der Vorletzte in der Reihe. Als erstes springt einer der anderen Männer, die mit uns waren. Er springt ganz lässig. Dann seine Frau auch noch. Kurz danach. Nun ist eine Freundin von mir dran. Sie ist zuvor schon gesprungen. Doch anscheinend bekommt sie Angst. Statt sich abzustoßen und zu springen, setzt sie sich hin. Und lässt sich rausfallen. Es sieht wenig gekonnt aus. Instrukteur Audrius schaut gefühlte 10 Minuten hinter ihr her. Einmal schaut er zu uns und verzeiht das Gesicht, als ob etwas schiefgegangen ist. Dann aber nochmal und zeigt mir den Daumen. Nun bin ich an der Reihe. Ich atme tief durch und stehe auf. Während Audrius den Fallschirm an einer Leiste einklinkt, damit er sich automatisch öffnet, stehe ich an der Tür des alten Doppeldeckers und schaue nach unten. Ich habe Angst. Ehrliche Angst. Audrius klopft mir auf die Schulter. Einmal, zweimal dreimal. Ich bin wie versteinert. Er klopft nochmal. „You can jump now.“ Ich sage: „Ok.“ Und stoße mich ab, so wie wir es vorher gelernt haben.

 

Nun falle ich einfach, schreie und lache gleichzeitig. Rund 5 Sekunden falle ich, bevor mich ein Ruck durchfährt und ich im Fallschirm hänge. Er ist aufgegangen. Ich bin beruhigt und nehme die Steuerungszügel des Schirm in die Hand und fange an zu lenken. Über Funk bekomme ich Anweisungen vom Boden, damit ich an der richtigen Position lande. In einer Spirale steuere ich auf den Boden zu. Langsam aber er kommt näher. Dennoch habe ich auch Zeit mich über die tolle Aussicht zu freuen. Nach rund 2 oder vielleicht 3 Minuten kommt der wichtigsten Moment. Rund 5 Sekunden vor dem Boden muss ich die Bremssteuerung durchziehen. Kurz danach berühren meine Füße den Boden. Nachdem ich eben noch in der Luft hing, muss ich nun die Kraft aufwenden um zu laufen und zu stehen. Ich schaffe es aber und purzele nicht über den Boden, wie die Springerin nach mir. Mein Fallschirmspringer-Diplom habe ich mir redlich verdient.

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Immer noch voll des Glücks, dass ich gut gelandet bin.

Tipps zum Fallschirmspringen in Litauen

Beim Vilnius Skydiving Club wird unter anderem aus diesen AN-2 abgesprungen.

In Vilnius springt man aus dieser AN-2.

Es gibt verschiedene Absprungplätze. Ich selbst bin beim Vilnius Skydiving Club mitgesprungen. Ein Tandemsprung kostet dort 380 Litas (rund 110 Euro) und geht ab einer Höhe von 3000 Meter.
Ich bin selbst von rund 1200 Meter Altitude gesprungen. Die Fallschirme werden dafür in eine Leiste eingeklingt. Dieser Sprung kostet 220 Litas (rund 60 Euro). Inklusive sind Fallschirm und der Trainingslehrgang von 2 Stunden sowie ein Zertifikat für den Sprung.
Man kann beim Vilnius Skydiving Club auch Sprungscheine oder mehrere Sprünge machen. Als Mitglied im Club kosten Sprünge nur 50 Litas (16 Euro).

Fallschirmspringen in Litauen kann man auch beim Skydiving Club Kaunas, in Marijampole oder in Klaipeda. Eine Übersicht über die Angebote zum Fallschirmspringen findet ihr auf Dropzone.com.

Dank an Aiste und Birute für die Fotos!

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Posted by Peter Althaus

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4 Comments

  1. Fallschirmspringen ist ein wahres gefühl vom Fliegen… einfach fantastisch!

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  2. Sehr fesselnder Bericht – in einem Zug durchgelesen. Hab vor rund 15 Jahren einen Tandemsprung gemacht, bei dem mir klar geworden ist, dass man beim Fallschirmspringen nicht fliegt (so hatte ich mir das zumindest vorher vorgestellt), sondern wie ein Katoffelsack fällt. Hätte mich dann auch noch (mit dem Lehrer) zig mal überschlagen, bevor wir in die richtige Position kamen. Bieten die im Vilnius Skydiving Club auch einen Einzelsprung, bei dem 2 Profis mitspringen und einen in die richtige Position bringen und gegenbenfalls sogar den Schirm für einen ziehen? Hatte in Erinnerung, dass das als erstes kommt, wenn man nach einem Tandempsrung allein springen will…

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    1. Hallo Boris!
      Danke zunächst für das Lob. Bei den Sprüngen, die ich gemacht habe, ist es so, dass man aus geringerer Höhe springt. Das sind meist 1000 bis 1200 Meter. Man ist beim Absprung mit der Reißleine an einer Metallstange am Flugzeug verhakt. Springt man dann, öffnet sich der Fallschirm. Man fällt also nur rund 5-6 Sekunden, dann öffnet sich der Schirm. Vorher hat man den Kurs, wo einem erklärt wird, wie man im Notfall den Reserveschirm öffnet.
      Man kann allerdings dort wohl auch einen Kurs machen, wo man am Ende einen Sprung von größerer Höhe allein macht. Vorher sind es Tandemsprünge, glaube ich. Man bekommt dann auch ein Zertifikat Die Kurse gehen über mehrere Tage und sind natürlich nur bei guter Wetterlage möglich. Bei den Sprüngen allein, springen dann auch andere kurz danach oder davor, die sicher im schlimmsten Fall noch was machen können. Aber eigentlich bekommt man das alles vorher erklärt.
      Wenn Du Interesse hast, kann ich Dir den Kontakt zu einer Freundin von mir schicken, die dort Mitglied ist und sehr oft springt. Die kann Dir da helfen. Dann bitte Kommentar hier hinterlassen oder mir ein Mail schreiben (siehe Impressum).
      Achso und das mit dem planlos runterfallen wie ein Kartoffelsack war bei mir auch so. Ich konnte nix außer schreien. Der Schirm ging ja aber zum Glück von allein auf.

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  3. Hallo Peter,

    vielen Dank für all die Details! Würde zu gerne einen Sprung in Litauen machen, da ich ein absoluter Litauen-Fan bin und bislang schon 11 Mal dort war. Habe aber leider gestern nach der MRT erfahren, dass ich mir den Fuß gebrochen habe 🙁 Also muss das Ganze erstmal etwas warten

    P.S. Wie, wann und warum (sorry, wenn ich zuviel frage) bist Du eigentlich das erste Mal nach Litauen gekommen?

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