Die Grenze Haitis ist nur ein paar Hundert Kilometer von Santo Domingo entfernt und so bin ich stundenlang aus der der Hauptstadt der Dominikanischen Republik herausgelaufen, um von Santo Domingo in Richtung Westen zu trampen. Vor einer Reise nach Haiti haben mich alle, die ich getroffen habe, gewarnt. Nur Paolo, den ich in Santo Domingo getroffen habe, der hat davon geschwärmt. Und er war der einzige, der dort war. Er lebt in der Hauptstadt und hat mich zu sich eingeladen.

Keine gute Idee mit Schokolade in den Tropen zu reisen.

Keine gute Idee mit Schokolade in den Tropen zu reisen.

Ein trauriges Malheur auf der Fahrt waren die 2 geschmolzenen und ausgelaufenen Ritter Sport Kakao Mousse im Rucksack. Zum Glück habe ich ja meinen Überlebenslöffel dabei, so dass ich das Meiste von der Regenjacke noch abessen konnte.  Wofür ich eine Regenjacke mithabe, weiß ich noch nicht.

Müllkippe und schlimme Zerstörungen

Haiti, das ärmste Land der westlichen Welt. Auf den ersten Blick alles normal, Hütten chaotische Sammeltaxis, Bauern mit der Hacke, auf Eseln. Aber die Hauptstadt Porr-au-Prince: unvorstellbar. Ich habe gesehen, wie auf der zentralen Kreuzung in Downtown gerade eine Müllkippe entsteht. Gleichzeitig ist ringsherum Markt, wie überall in der Stadt.

Zuerst erinnert man sich an den 12. Januar 2010, als hier 6 Erdbeben fast die gesamte Stadt zerstörten. Bis heute weiß keiner, wie viele Menschen dabei ums Leben kamen. Die offizielle Schätzung ist 316.000 Tote.
Aber alle Zerstörungen, die ich bisher gesehen habe, könnten auch einfach so zusammen gefallen sein. Immer noch liegt die zentrale Kirche in Trümmern, wo einst der Präsidentenpalast stand, ist ein großer Bauzaun, an dem die Fotos derer hängen, die dort beim Erdbeben gestorben sind.

Kirchenruine in Port-au-Prince: Viele Gebäude wurden durch das Erdbeben zerstört.

Kirchenruine in Port-au-Prince: Viele Gebäude wurden durch das Erdbeben zerstört.

Arm aber teuer. Es wundert nur, dass dieses bettelarme Land alles andere als billig ist. Viele Produkte, wie Reis oder Früchte werden aus den Vereinigten Staaten importiert. Auf der Suche nach einer Unterkunft habe ich nur Hotels über 50 US-Dollar pro Nacht gefunden. Niemals würde ich so viel für eine Unterkunft zahlen. Zum Glück habe ich Emmanuel kennengelernt, der mich mit zu sich nach Hause genommen hat. Er spricht Englisch und Französisch, wie fast alle hier. Doch mein Französisch reicht hier nicht weit, auch wenn ich Frau Pangert vom Hettstedter Gymnasium immer wieder dankbar für den Französisch-Unterricht bin. Aber hier ist es eine Mischung aus Kreol, das durch die Sklaverei entstanden ist, und Französisch.

Die teuerste Wassermelone der Welt

Mit Emmanuel war ich auch einkaufen. Da ich mein Ziel weiter verfolge, ohne das Kaufen von Kunststoffflaschen durch die dritte Welt zu kommen, habe ich mir eine Wassermelone gekauft. Aber diese sollte dann 20 US-Dollar kosten. Es gibt hier nämlich verschiedene Währungen, den Gourdes und den Dollar haitien. Das besondere ist, den Doller haitien gibt es gar nicht als Währung, sondern einfach als Preisangabe. Er bedeutet einfach 5 Gourdes. Das klingt etwas verwirrend, ist es auch Erinnerungen an Cuba werden wach. Ist ja auch nur ein paar hundert Kilometer entfernt.

Emmanuel ist Lehrer. Hier korrigiert er Schularbeiten.

Emmanuel ist Lehrer. Hier korrigiert er Schularbeiten.

Zum Glück konnte ich nach langen Rücksprachen vom Kauf zurücktreten und den Betrag, den ich per Visa gezahlt habe, in bar zurückbekommen. Allerdings konnte keiner rings herum verstehen, warum ich diesen Preis nicht zahlen kann. Recht haben sie.
Emmanuel ist Lehrer für Philosophie. Seine Art, Arbeiten zu kontrollieren, hat mich sehr an mich erinnert.

Er wohnt bei einer anderen Familie mit zur Untermiete. Ein Plumpsklo, das sie sich mit anderen Mietern teilen, eine Treppe runter. Kein Bad, kein fließendes Wasser. Mitten in der Hauptstadt Port-au-Prince. Aber es geht schlechter. Vom Dach aus, konnte ich sehen, wie die Nachbarn leben.

Gemeinsames Musizieren auf dem Dach und „Eine feste Burg ist unser Gott“

Aber es geht noch schlechter. Am Fluss, der an eine Müllkippe erinnert und wo immer nachts, mit unvorstellbarem Gestank, Kunststoffe verbrannt werden, leben auch Menschen. Dazu muss man hinzufügen, dass es unerträglich heiß ist, es gibt eine Unzahl von Mücken und Warnschildern wegen Cholera.

Natürlich ist das Land auch kulinarisch eine Wüste: Das Hauptnahrungsmittel hier ist, genau wie in der Dominkanischen Republik Reis mit roten Bohnen mit Huhn. Hauptsache, es macht satt.

Nachts saßen wir gemeinsam auf dem Dach mit dem Blick über die Stadt, die nur deshalb gerade dann nicht nach Slum aussieht, weil meist Stromausfall ist. Ein besonderer Moment war, als Emmanuel „ein feste Burg ist unser Gott“ auf Créol gesungen hat. Dann habe ich meine Trompete herausgeholt, mit der ich mir bis jetzt in den Hotels immer keine Freunde gemacht habe und ich habe gespielt. Über diese stille, dunkle Stadt, wo die Leute mit dem Handylicht navigieren oder vor der Petroleumlampe sitzen oder einfach im dunkeln. Keine Fernseher laufen, keine Radios. Stille, wenn man nicht erzählt. Man bekommt eine Vorstellung, wie diese Welt aussah, als der Strom noch nicht jeden Winkel verändert hat.
So findet „Der Mond ist aufgegangen“ seine Fans in Übersee und ich bin gerührt von diesem Ort, der nach Verwesung und brennenden Plasteflaschen stinkt.

Mückenplage unter Palmen

Leider hat die Nacht die ganze Begeisterung für meine Unterkunft wieder zunichte gemacht. Die Moskitos haben mich fast blutleer gesaugt. In Gegenden mit Malaria oder der gerade überstandenen Cholera-Epedemie oder dem gerade grassierenden Zica Virus nicht nur nervig, sondern ernst. Dabei wird mir mein mangelhafter Impfstatus bewusst. Da hilft ein sudanesischer Gelbfieberimpfausweis vom Schwarzmarkt nicht weit. Zu meiner Verteidigung sei aber gesagt, dass meine 20 Jahre alte Gelbfieberimpfung immer noch Schutz bietet, nur der Ausweis ist zerfallen.

Tipp: Damit es euch nicht so geht wie dem Gregor, sei hier nochmal auf den Artikel zu Impfungen für die Reise von Peter hingewiesen.

Die Begegnung mit Emmanuel war dennoch sehr intensiv.Wir hatten lange Unterhaltungen über Menschlichkeit, Würde und wie man das Glück findet, egal, wo man geboren ist. Emmanuel sagte, warum er mir geholfen hat, als er mich hilflos auf der Straße aufgelesen hat: „Du hättest doch das selbe gemacht, wenn du mich in Deutschland gesehen hättest.“ Dieser Satz hat mich nachdenklich und betroffen gemacht. Ich bin mir nicht sicher, wie ich mich verhalten hätte. Auch wenn ich insgesamt seiner Meinung bin, offen Fremden zu begegnen, Unbekannten zu helfen. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob ich die ganze Hilfe, das ganze Vertrauen und die gesamte Menschlichkeit, die ich erfahren habe, zurückgeben kann. Es ist ein großes Geschenk, was ich damit empfangen habe und nun eine Pflicht, weiterzugeben, zu teilen und menschlich zu handeln. Ich arbeite daran.

Unvergesslich war die allabendliche Reinigungszeremonie mit einem Eimer Wasser auf dem Dach, über der Stadt, die Nachbarin, der ich beim Bügeln zugesehen habe. Das Bügeleisen mußte vorher mit glühenden Holzkohlen bestückt werden und unser gemeinsamer Gottesdienstbesuch, zu dem wir uns richtig schick gemacht haben. Inclusive Schuhe putzen lassen. Es war eine intensive gemeinsame Zeit. Da darf natürlich auch das Gruppenbild nicht fehlen.

Der Abschied war bewegend. Die ganze Familie hat für mich gebetet und mir den Reisesegen gegeben. Dann haben wir uns unter Tränen verabschiedet.

Auf in die Parallelwelt

Und ich bin zu Paolo, einem Italiener, den ich aus Santo Domingo kannte, umgezogen. Er hat mich mit dem Motorrad abgeholt und wir sind eine Stunde durch die Stadt gefahren, um zu ihm zu kommen. Allein diese Motorradfahrt war wohl mehr Aufregung, als andere Touristen in 4 Wochen Kreuzfahrt erleben können. Kreuzgefährlich (vor allem für die Eier, die wir unterwegs noch gekauft haben) aber auch sehr lustig.

Dies war nun der absolute Kulturschock. Eine Villa, hoch über der Stadt. Mit 2 Bädern, zwischen Bananenstauden und Kolibris. Der absolute Luxus in der absoluten Armut.

Am Abend waren wir in einer Diplomatenbar, mit deutscher Chefin und internationalen Gästen, Geschäftsleute, Leute von der Weltbank. Einer hatte eine Rechnung von 220US$, das war schon etwas pervers.
Nun werde ich Port-au-Prince wieder verlassen aber einen anderen Weg, durch die Berge nehmen. Dort gibt es keine Straßen, sondern nur Pisten und Motorräder. Mal sehen, was dort auf mich wartet.

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Posted by Gregor Majewski

Hi, ich bin Gregor und schreibe hier auf Rooksack über meine Abenteuer per Anhalter in der Welt. Ich mache jedes Jahr einen längeren Trip und schreibe hier für euch. Wenn ihr mehr davon lesen wollt, dann folgt uns doch auf Facebook, Twitter oder abonniert uns per E-Mail!

One Comment

  1. „…Zum Glück konnte ich nach langen Rücksprachen vom Kauf zurücktreten und den Betrag, den ich per Visa gezahlt habe, in bar zurückbekommen…“

    Glück gehabt – aber irgendwie total erstaunlich. Haiti habe ich zwar noch nicht bereist, aber in den meisten Ländern, in denen ich war (u.a. Dominikanische Republik) hätte ich das Geld ganz sicher nicht zurückbekommen. Geschäftemacherei…

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