Der Wecker klingelt. Es ist 7 Uhr morgens. Eigentlich ist es fast schon zu spät. Wir packen die Sachen  in einen Handwagen und trotten los. Ich schleife noch etwas müde die Straße entlang. Mit uns gehen viele andere Leute ebenfalls zu Fuß. Einige haben ganze Bierkisten auf ihren Bollerwagen geladen. Die Sonne strahlt schon. Heute ist ein guter Tag um den Winter endgültig zu vertreiben.

Das Dreckschweinfest – Uralter heidnischer Brauch

Nach ein paar hundert Metern biegen wir auf den Helbraer Weg ab und sind schon in Ziegelrode, einem Ortsteil von Ahlsdorf. Es ist das erste der Dörfer im Mansfelder Grund. Der „Grund“, das sind eine Reihe von Dörfern, die sich durch ein Tal ziehen. An Pfingsten sind sie Pilgerort für alle Mansfelder. Die, die dort noch leben und die, die wie ich, immer wieder zu Besuch bekommen. Woran auch ich mich schon seit meiner Kindheit erinnere, ist dort schon eine jahrhundertealte Tradition. Das Pfingstfest in den Grunddörfern ist ein alter heidnischer Brauch.

Peitsche Pfingstfest Pfingstbursche Grunddörfer

Auch mein Neffe Tom ist ein Pfingstbursche und weiß wie man die Peitsche knallen lässt.

Geld sammeln mit den Maien

Die Pfingstburschen, zu denen unter anderem auch mein Neffe Tom einmal zählte, ziehen aus, um den Winter zu vertreiben. Bereits am Sonnabend werden im Wald die Maien geschlagen. Das sind noch junge Birken, die dann in einem Umzug in den Dörfern verteilt werden. Die „Läufer“ gehen dafür von Haus zu Haus und sammeln Spenden für das Pfingstfest und die Pfingstgesellschaft. Der zuständige Pfingstbursche hält eine Ansprache und das Familienoberhaupt erhält einen Schnaps. Mitunter bekommen Kinder auch „Pfingstgeld“ von Eltern oder Großeltern. Am Abend finden sich in den Dörfern die meisten Bewohner zu den Pfingsttänzen zusammen. Es wird zu alten und neuen Hits aus Ost und West getanzt.

Die Autos beim Pfingstumzug werden geschmückt. Wenn sie Pech haben landen die Schrottkisten im Dreck.

Die Autos beim Pfingstumzug werden geschmückt. Wenn sie Pech haben landen die Schrottkisten im Dreck.

Früh aufstehen für die Waldpartie

Ein Wunder ist jedoch, dass die Leute wie anfangs beschrieben dann trotzdem aus dem Bett kommen. Immer am Pfingstmontag gehen alle Dorfbewohner und auch Leute aus den umliegenden Gemeinden in den Wald zur „Waldpartie“. Mit Kind und Kegel geht es zu den Pfingstwiesen. Unsere Familie ging von jeher schon immer zur Ahlsdorfer Pfingstgesellschaft in den Wald bei Ziegelrode. In den Grunddörfern werden die Bewohner bereits kurz nach der Dämmerung von den umherziehen Pfingstburschen geweckt. Die weiß gekleideten, mit bunten Hüten geschmückten Burschen knallen in den Gassen der Dörfer ihre riesigen Peitschen. Die Lederriemen zischen durch die Luft. Wenn die Pfingstburschen gut geübt sind, beschleunigen sie die Peitsche auf Überschallgeschwindigkeit. So knallt es in den Gassen und später im Wald.

Dreckschweinfest, Schlamm, Pingstburschen

Gelegentlich werden auch die Autos geopfert. Später werden die Pfingstburschen in den Ahlsdorfer Fischteich getrieben. Gewinnen die Pfingstburschen, ist der Winter vorbei.

Kampf Sommer gegen Winter

Auf der Pfingstwiese treffen die Pfinstburschen auf den Winter. Die „Dreckschweine“ versuchen dazu die hell gekleideten Gäste des Pfingstfestes zu beschmutzen. Daher auch der Name „Dreckschweinfest“. Die Dreckfinken suhlen sich im Schlamm. Oft werden auch bemalte Schrottautos für das Pfingstfest geopfert. Familien mit Kindern picknicken auf Decken. Allerlei einfache Buden bieten Büchsenwerfen oder Bowle an. Die Aufgabe der Pfingstburschen ist es, die Dreckschweine von den Leuten fernzuhalten und sie in einen Teich zu treiben, damit sie sich waschen und den Winter abstreifen. Am Ende steht auch immer fest, welche Seite gewonnen hat. Gewinnen die Pfingstburschen, wird es ein schöner Sommer. Dieses Jahr drücke auch ich wieder den Pfingstburschen die Daumen. Es soll ja lieber ein schöner Sommer werden. Vielleicht sehen wir uns ja dort!

Wie kommt man zum Dreckschweinfest in Ahlsdorf und Hergisdorf?

Das Dreckschweinfest in Ahlsdorf findet jedes Jahr an Pfingstmontag ab dem frühen Morgen, meist also ab 7 Uhr, in Ahlsdorf statt. Ich bin jedes Jahr in Ahlsdorf. Das Fest kostet keinen Eintritt. Treffpunkt dort ist immer bei der Waldpartie. Hierzu parkt man das Auto am besten in der Straße zur Waldgaststätte Ziegelrode oder gleich im Dorf in Ahlsdorf und läuft von dort aus. Alternativ kann man auch in der Nähe der Bildungs- und Erholungsstätte in Ahlsdorf parken und von dort zum Fischteich laufen. Der Fischteich ist später das Ziel der Pfingstburschen. Von hier müsste man die Anhöhe Richtung Norden hoch durch den Wald, um zur Waldpartie zu gelangen.

Das Dreckschweinfest in Hergisdorf findet jedes Jahr an der Wildbahn statt. Direkt an der Wildbahn gibt es einen Parkplatz. Zusätzlich gibt es Pendelbusse dorthin aus dem Dorf. Mehr Infos dazu auf den Seiten der Pfingstgesellschaft Hergisdorf zum Dreckschweinfest.

Hinweis: Danke an meine liebe Schwester Claudi für das zur Verfügung stellen der Bilder! Wer etwas mehr über das Pfingstfest im Mansfelder Grund erfahren möchte, dem sei der Dokumentarfilm „Mansfeld“ von Mario Schneider wärmstens ans Herz gelegt.

 

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Posted by Peter Althaus

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