Es ist ein Moment, der die Gegensätze in diesem wunderschönen Land wohl irgendwie spiegelt. Ich sitze des Nachts in einem Hängestuhl im Kibbuz En Gedi. Ich wippe hin und her. In meiner rechten Hand ein Gold Star, das israelische Standard-Bier. Die Wüste und das Tote Meer sind still. Auch im Kibbuz ist es ruhig. Plötzlich zieht aus der Ferne ein Donnern herüber. Kurze Zeit später verstehe ich kaum noch ein Wort, das gesprochen wird. Es ist ein F16-Kampfflugzeug. Nur wenige Sekunden später folgt ein weiteres. So geht es die ganze Nacht. Alle zehn Minuten folgt eine Doppel-Patrouille der israelischen Luftwaffe, mitunter nur wenige Meter über dem Toten Meer. Während ich jedes Mal zum Himmel schaue, um die grünen Lichter der Jets zu erspähen, unterbrechen meine israelischen Freunde weder ihre Gespräche, noch schauen sie überhaupt zum Himmel auf.

Für Europäer unvorstellbar

Das solche Momente, die für uns Deutsche 70 Jahre nach Kriegsende so weit weg sind, wie die Internationale Raumstation für ein hungerndes Kind in Afrika, hier kein besonderes Aufsehen erregen, erstaunt mich immer wieder. Aber es ist nur konsequent. Jeder Israeli wird nach der Schule zum Militärdienst eingezogen. Frauen müssen in Israel zwei Jahre zum Wehrdienst, Männer drei. In den Straßen, in der Tram, im Museum, sogar im Café oder der Strandbar sieht man immer junge Menschen in Uniformen. Oft haben sie sogar ihr Maschinengewehr dabei. Was in Deutschland als bedrohlich empfunden wird, ist hier nicht nur Alltag, es wird befürwortet.

Ein von @themissk gepostetes Foto am

Denn bis heute gibt es Anschläge in Israel. Als im Juni 2014 drei jüdische Jugendliche brutal von Palästinensern ermordet wurden, setzte dies wieder einmal eine Spirale der Gewalt frei. Jüdische Extremisten entführten daraufhin ein palästinensisches Kind und töteten es. Kurze Zeit später folgte die Militärkation „Protective Edge“ der israelischen Streitkräfte, nachdem die Hamas wieder einmal den Beschuss mit Kassam-Raketen intensiviert hatte. Und auch in den israelischen Städten griffen Palästinenser und israelische Araber (was mitunter das Gleiche ist) Soldaten und Zivilisten an. Die Zahal (die Israelischen Streitkräfte) haben seit 1948 in 28 Einsätzen (Stand: Ende 2014) gekämpft. Jede Generation hat mindestens einen Krieg miterlebt. Und Israel ist bis heute von Feinden umzingelt. Die Hamas in Gaza und im Westjordanland, die Hisbollah im Libanon, Syrien, der Iran, von diversen Terrororganisationen ganz zu schweigen. Viele Länder erlauben nicht einmal Ausländern eine Einreise, die zuvor in Israel zu Besuch waren (unter anderem auch Indonesien).

Zufall, der über das Leben entscheidet

Nun kann man sich darüber den ganzen Tag Sorgen machen. Aber zur Mentalität der Israelis gehört das nicht unbedingt. Und auch die Lockerheit gegenüber den alltäglichen Gefahren lässt sich vielleicht an einem Beispiel gut erklären. Eine gute Freundin von mir, die Künstlerin Karen „Missk“ aus Tel Aviv, ist in Jerusalem aufgewachsen. Als sie eines Tages zur Schule gehen wollte, verpasste sie ihren Bus nur knapp. Also entschied sie sich wieder nach Hause zu gehen. Kurze Zeit später sah sie genau diesen Bus im Fernsehen. Er war von einem palästinensischen Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt worden. Seitdem kommt sie übrigens gerne mal zu spät.

Fast jeder meiner Freunde hat selber eine solche Geschichte zu erzählen oder kennt jemand, dem so etwas passiert ist. Auch Nir, ein Jura-Professor aus Sde Boker mit dem ich von Ber Sheeva bis Sde Boker fahre, erzählt mir vom letzten Sommer. Während der israelischen Militäraktion gegen die Hamas, kamen zeitweise alle anderthalb Minuten Raketen nach Sderot geflogen, die Stadt in der Nirs Fakultät steht und bekannt aus dem Fernsehen. Ab der Sirene haben die Bewohner nur 15 Sekunden um sich in Sicherheit zu bringen. Und auch in Tel Aviv gab es häufiger Alarm. „Du denkst eben immer daran, wo der nächste Schutzort für Dich ist. Wenn Du unter der Dusche bist, im Bus, beim Essen, in der Nacht“, sagt Karen.

Nir kam gerade aus Sderot als er mich in Ber'sheva aufgegabelt hat.

Nir kam gerade aus Sderot als er mich in Ber’sheva aufgegabelt hat.

Die Gelassenheit siegt

Für viele Israelis ist es deshalb unverständlich, warum Militäraktionen gegen die radikalen Palästinenser im Gazastreifen in Europa abgelehnt werden. „Was würdest Du sagen, wenn Du Dich alle paar Minuten in den Bunker flüchten musst? Das ist doch kein Leben.“ Auch eine Aufrechnung der israelischen Opfer gegen Palästinenser finden die meisten ungerecht. Schließlich schieße die Hamas von zivilen Gebäuden aus auf israelische Städte. Im Nachhinein verfluchen auch viele den Abzug aus dem Gazastreifen, den Ariel Sharon als Premierminister 2006 durchgesetzt hatte. Schließlich war der Beschuss dadurch erst eskaliert.

Und so eigne auch ich mir in Israel eine gewisse Leichtigkeit des Seins an. Und letztlich muss man das beim Reisen in Israel auch. Ich fahre mit Bussen und Straßenbahnen. Ich suche unterwegs nach Schutzmöglichkeiten und schaue öfter, wo ich das Wort „Shelter“ lese. Ich störe mich nicht an den Maschinengewehren der Wehrpflichtigen. Ich begegne der Extra-Untersuchung am Flughafen Ben-Gurion in Tel Aviv freundlich und gelassen. Mich stören auch die Fragen der Soldaten am Checkpoint nicht. Und auch die Kampfjets in En Gedi lasse ich irgendwann einfach fliegen ohne einen Blick zu verschwenden. Vielleicht ist die Leichtigkeit des Seins hier eben auch nur eine Sache der Gewohnheit.

P.S. Wer sich fragt, woher er den Titel kennt, dann kann ich hier auf das wunderbare Buch „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera verweisen.

FLASCHENPOST FÜR DICH
Sei mit dabei und erhalte gratis die Rooksack-Flaschenpost mit Updates zu Backpacking, kostenlosem Reisen, Trampen und Couchsurfing.
Spam ist doof. Von mir kriegst Du keinen.

Posted by Peter Althaus

Hi, ich bin Peter und ich schreibe hier auf Rooksack über meine Abenteuer mit dem Rucksack in der Welt. Wenn Du mehr davon willst, folge mir auf Facebook, Twitter oder abonnier uns per E-Mail!

2 Comments

  1. Am Anfang hatte ich mit den ganzen Gewehren in Israel ein großes Problem. Irgendwann gewöhnt man sich aber daran und akzeptiert, dass es dort einfach zum Alltag gehört.
    Ich habe mir aber kein einziges Mal in einem Bus, Zug oder sonstigen Moment Gedanken gemacht, wo der nächste Schutzraum ist oder ob gleich alles in die Luft geht. Ich glaube ehrlich gesagt, dass das auch die meisten Israelis nicht tun, sie haben einfach gelernt mit der Situation zu leben, zumindest habe ich das Land so erlebt.

    Antworten

  2. Hey 🙂

    Klar macht man sich vor Antritt jeder Reise Gedanken, ob alles glatt verläuft und wie die Situation im Land selbst aussieht. Dennoch ist Israel ein Land, welches extrem viel zu bieten hat.
    Meine Mutter war mit einer Freundin letztes Jahr in Israel. Sie erzählt so tolle Dinge über die Landschaft, Menschen und Sehenswürdigkeiten in dem Land. Man sollte sich nie von dem Schein eines Landes trügen sollen. Die Realität sieht nämlich oft anders aus.
    Israel würde ich mir auch gerne nochmal anschauen.

    Liebe Grüße,

    Joshua.

    Antworten

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.