Der Wind pfeift kalt über den Platz der Unabhängigkeit. Und dafür hat er auch reichlich Platz, denn es ist der größte Platz in Europa, vielleicht sogar der Welt. Aber ich bin nicht hier um zu frieren. Denn der Platz, der selbst ziemlich leer ist, versammelt einige der besten Beispiele sowjetischer Architektur aus verschiedenen Jahrzehnten.

Derschprom – Kronjuwel des Konstruktivismus in Charkiw

Gebaut zwischen 1925 und 1928, zieht vor allem das Dershpromgebäude meine Blicke auf sich. Denn das Gebäude ist so etwas wie eine Archetypus eines sowjetischen Wolkenkratzers. Das 63 Meter hohe Gebäude (mit Fernsehantenne 108 Meter) war das erste seiner Art in der gesamten Sowjetunion. Es ist im Stil des sowjetischen Konstruktivismus gebaut. Ich mag diese Gebäude, denn sie stellen den Aufbruch der Sowjetunion dar. Nachdem die Sowjets den Bürgerkrieg gegen die „Weißen“ gewonnen hatten, fand in den Zwanzigern eine gewisse Konsolidierung statt. Josef Stalin hatte noch nicht die allumfassende Macht, mit der er späte ganze Völker deportierte und ermordete. Stattdessen gab es noch Möglichkeiten für Experimente. Eines davon war der Konstruktivismus, für den man die besten Architekten und Gestalter des Landes zusammenzog. Es war quasi die Avantgarde des roten Reiches. Viele der Ideen wurden in der Architektur der späten Sowjetjahre aufgegriffen. Auch gibt es viele Parallelen zum Bauhaus. Hauptpost Charkiw Konstruktivismus

Hauptpost Charkiw – Fast wie das Bauhaus-Gebäude in Dessau

Genau an dieses hatte mich bereits bei meiner Ankunft in Charkiw ein weiteres Gebäude erinnert. Direkt beim Heraustreten aus dem neoklassizistischen Bahnhof sieht man die Hauptpost, die mich in ihrem nüchternen Stil sehr an das Bauhaus-Gebäude in Dessau erinnert. Die längliche Form und der schlanke Turm mit den Stahleinfassungen sehen dem in Dessau sehr änhlich. Nüchtern aber nützlich und sogar schön für meine Augen. Auch die Post aber wurde im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört. Immerhin wurde die Post in Charkiw aber wiederaufgebaut und nicht durch einen stalinistischen Klotz ersetzt wie der Bahnhof daneben.

Taras-Schewtschenko-Denkmal – Zeichen eines ukrainischen Frühlings

Neben dem Experiment des Konstruktivismus in der Architektur, wurde in der sowjetischen Ukraine Mitte der Zwanziger Jahre auch mit mehr Freiheiten für die ukrianische Kunst, Sprache und Kultur experimentiert. Während der westliche Teil des Landes von Polen besetzt war und zur polnischen Zweiten Republik gehörte, waren Kiew und Charkiw Teil der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Um die Ukraine besser in die Sowjetunion einzugliedern, erlaubte man zunächst einen vielfältigen Gebrauch der ukrainischen Sprache, auf den Ukrainer in anderen Ländern bisweilen sogar neidisch waren. Mehr als 80 Prozent der Bürger Charkiws und noch mehr Menschen im Umland sprachen zu dieser Zeit Ukrainisch. In Deutschland kaum bekannt, begann erst Stalin die ukrainische Sprache zu unterdrücken und gezielt Ukrainer mit einer Hungersnot (Ukrainisch: Holodomor) auszurotten. Eine Russifizierung der Region setzte erst in den Dreißigern ein. Bis heute prägt diese forcierte Russifizierung die Region. Sie ist der Ursprung des Konfliktes in der Ostukraine. Noch vorher wurde jedoch das Denkmal zu Ehren von Taras Schewtschenko errichtet. 1934 schufen Bildhauer aus der Ukraine das Kunstwerk zu Ehren des wichtigsten ukrainischen Nationaldichters. Schewtschenko war sogar bei den Kommunisten angesehen, denn er setzte sich gegen die Ungerechtigkeit der Leibeigenschaft ein. Das Denkmal wurde dann im damaligen Leningrad hergestellt, wie eine Plakette an der Seite des Denkmals verrät.

Slowo-Haus und Les Kurbas – Ende des Traums

Kharkiv wurde ab Mitte der Zwanziger ein Zentrum der ukrainischen Avantgarde-Literatur und des Theaters. So Ende der 1920er hier das Slowo-Haus gebaut. Im Slovo-Haus, das ein Gebäude der Vereinigung der Künstler der Stadt war, in dem Poeten, Schriftsteller und andere Künstler günstig leben, sich austauschten und gemeinsame Projekte entwickeln konnten. Doch mit den zunehmenden Repressionen unter Stalin wandelte sich das Haus von einem Zentrum des freien Geistes mehr und mehr zu einem Gefängnis im Überwachungsstatt. Mehr als 70 Bewohner der 60 Wohnungen wurden Opfer der stalinschen Säuberungen – denunziert, verbannt, erschossen. Daran erinnert heute eine Gedenktafel an der Fassade des Hauses. Ein Projekt von jungen Charkiwern versucht die Geschichte des Slowo-Hauses in Charkiw aufzuarbeiten.
Auch Les Kurbas, der wohl bekannteste Theater-Intendant der Ukraine war ein Opfer der stalinschen Säuberungen, nachdem er Ende der 20er-Jahre noch das berühmte Avantgarde-Theater Beresil in Charkiw aufgebaut hatte. Ihm wird heute ebenfalls in der Stadt gedacht.

Stalinistischer Neo-Klassizismus ersetzt Konstruktivismus

Mit den Künstler des Konstruktivismus wurde auch die Architektur in Charkiw ersetzt. Im Derschprom-Gebäude befindet sich ein kleines Museum zur Geschichte der Verwaltung der Stadt Charkiw durch die Jahrzehnte. Dort werde ich freundlich von der Museumsmitarbeiterin empfangen. Mit meinen begrenzten Ukrainischkenntnissen und noch begrenzteren Russischkenntnissen, schaffen wir es dennoch, uns recht verständlich zu unterhalten. Sie zeigt mir auch ein Buch aus dem Bildarchiv des Preußischen Kulturbesitzes, das Fotos deutscher Kriegsfotografen der Wehrmacht und von Flugzeugen der Aufklärung zeigt. Mit deutscher Gründlichkeit fotografierten die Nazis 1942 die ganze Stadt nach ihrer Besetzung durch die Nazitruppen. Zu sehen darauf auch der heutige Platz der Unabhängigkeit. Das Dershprom und die umliegenden Gebäude bildeten zu dieser Zeit fast einen Kreis. Die Zerstörungswut der Nazis, die die Stadt beim Überfall auf die Sowjetunion ebenfalls arg zerstörten, ließ von vielen Gebäuden nur die Gerippe. Das Dershprom selbst blieb auch nach dem Krieg erhalten. Doch der Stalinismus ließ in Charkiw vieles niederreißen, was zuvor mühsam gebaut wurde. Die Gebäude neben dem Dershprom wurden daher durch Gebäude im stalinistischen Neoklassizismus ersetzt. Die beiden Universitätsgebäude brutalisieren diesen Platz und geben ihm ein zusätzliche Kälte und Gewalt, wie ich finde. Man muss es nicht mögen, aber es ist auf eine andere Art beeindruckend, als die Bauten des Konstruktivismus. Sowjetisches Charkiw

Sumska-Straße Charkiw – Schaumeile der sowjetischen Architekturstile

Vom Platz der Unabhängigkeit, der früher Dshershinski-Platz hieß, nach dem Gründer der sowjetischen Geheimpolizei (GRU/NKWD/KGB), gehe ich die Sumska-Straße hinunter, die auch so etwas wie eine Zeitreise durch die Architektur der Sowjetunion bietet. Am Ende der Freiheitsplatzes steht das Gebäude der Verwaltung, dass früher auch im Konstruktivismus gebaut worden war, aber nach dem Krieg durch einen weitereh Stalinklotz ersetzt wurde. Besonders auffällig das Relief im Giebel, dass den Kampf der Arbeiterklasse mit der Kommunistischen Partei glorifiziert. Weitere Gebäude an der Sumska Straße: Oper Charkiw

Theater für Oper und Ballett

Mit dem Bau der Oper Charkiw wurde Ende der Achtziger Jahre begonnen. Sie ist eines der wenigen Beispiele für Architektur der Postmoderne in Charkiw. Das Gebäude mit vergleichsweise wenigen Fenster wirkt vergleichsweise brachial für ein Gebäude der feinen Künste. Universität für Architektur

Universität für Architektur Charkiw

1927 wurde das Gebäude der Universität für Architektur gebaut. Es ist ebenfalls ein Beispiel des Konstruktivismus in der Stadt. Hier lernen bis heute die zukünftigen Architekten der Region ihr Handwerk. Sowjetisches Mosaik Charkiw

Sowjetische Mosaike in Charkiw

Überall in sowjetischen Städten findet man sie: Propaganda-Mosaike. Mein liebstes Mosaik in Charkiw ist das am Puppentheater am Platz der Verfassung (Maidan Konstituzii). Eine Liste mit Google Maps zu den Orten der schönsten Mosaike gibt es aus Soviet Mosaics in Ukraine.Sowjetisches Haus Charkiw

Turm-Haus

Das Turm-Haus am Anfang der Sumska-Straße ist ein weiteres typisches Gebäude aus der Stalinzeit. Es könnte so auch in Moskau oder in Ost-Berlin stehen. Besonders der Turm auf dem früher ein großer Sowjetstern prangte, ist auffällig. Gebaut wurde es von 1950-54 und wurde damit erst nach Stalins Tod vollendet. Der Turm hat 12 Geschosse. Das Gebäude beherbergte früher den Sitz eines Energiekombinates.

Weitere interessante sowjetische Gebäude in Charkiw

Neben den bereits beschriebenen Vertretern verschiedener Architekturstile, gibt es weitere Gebäude, die sich über die Stadt verteilen. Hier einige Vertreter, die mir besonders gut gefallen haben: Schwimmhalle der Pioniere Charkiw

Schwimmhalle der Pioniere

Die Schwimmhalle der Pioniere liegt in der Nähe des Slovo-Hauses. Besonders gefällt mir die Form des Daches: Es sieht wie eine Welle aus.
Adresse: Dynamivska 5A Hotel Mir Charkiw

Hotel Mir

Das Hotel Mir (Welt) ist ein typischer Hotelbau aus den späteren Jahren der Sowjetunion. Innen ist das Hotel mittlerweile schon ordentlich renoviert, von außen versprüht es aber noch den spröden Charme der Sowjetunion. Man kann mit dem Fahrstuhl in den obersten Stock fahren, wo es früher ein Restaurant gab. Bei meinem Besuch fand ich aber nur Pappkartons und alte Topfpflanzen statt einer grandiosen Aussicht.
Adresse: Otakara Yarosha 20

Bei meinem nächsten Besuch werde ich sicher noch einige andere Orte besuchen und die Liste erweitern.

Wie sieht es bei Dir aus, warst Du schon Charkiw?

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Posted by Peter Althaus

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