Nach fünf Stunden auf dem Boot sind wir schließlich angekommen in Tecupita. Der Ort liegt mehr als 100 Kilometer von der Nordküste entfernt ist aber die erste Stadt, die man in Venezuela betritt. Zum Glück hatte die Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde in Trinidad nicht recht, dass es kein Schiff gibt.

Währung am Boden – Ich hab Geld wie Heu

Endlich Südamerika. Endlich keine Insel mehr. Endlich Straßen (hab ich zumindest gegalubt) und freie Fahrt für freie Tramper. Auf, Richtung Süden, Richtung Brasilien. Aber zuerst gilt es immer Geld zu besorgen, wenn man ein Land betritt. Das heißt, man schaut im Internet den Kurs an, um an der Grenze nur leicht und nicht absolut unsinnig beschissen zu werden. Nun, dies ist in Venezuela etwas anders, als anderswo. Der Kurs vom Bolivar zum Dollar ist 1 US $ = 6,4 Bolivar, offiziell. Der inoffizielle ist 1 zu 1000. Schwarztauschen verboten. Keine Geldautomaten für Visa-Kreditkarten. Die Situation von Venezuela ist sehr schwer im Moment. Der Ölpreis steht sehr niedrig. Das Land ist in einer schweren Krise, die Inflation unbeschreiblich hoch. Der größte Geldschein ist der 100 Bolivar-Schein – sprich der 10 Eurocent-Schein!
Man bekommt hier also das Geld in Schuhkartons. Geld zählen ist eine zeitraubende und aufwendige Tätigkeit in diesem Lande.

Die Inflation sorgt dafür, das Leben ist billig hier. Zumindest für mich. 2 Euro für eine Hotelübernachtung und Wassermelonen ohne Ende. Was will man mehr? Nun, wenn man sich in Venezuela umschaut, dann vermutlich Sicherheit und keine Angst vor der Zukunft haben zu müssen.

Sandias, aqui estoy

Mein Spanisch wird zu langsam besser

Mein Spanisch wird langsam, leider sehr langsam besser. Dabei übe ich jeden Tag. Ich habe mich bei einer Webseite zum Spachenlernen angemeldet (Duolingo.com). Meine absolute Empfehlung! Ein tolles System, um dran zu bleiben, Vokabeln zu lernen und zu verstehen. Aufgebaut, fast wie ein Computerspiel, kostenlos, es macht abhängig. Leider hilft es nicht viel beim Sprechen. Aber dafür bin ich ja hier.
Nach einem Tag bin ich nach Ciudad Guyana gereist, einer hässlichen Industriestadt im Landesinneren und weiter zur brasilianischen Grenze. Fast alles mit dem Bus. Alles ganz schnell. Die Geschichten über die Überfälle haben mich doch ein wenig ängstlich gemacht. Aber es war ein entspanntes Land, freundliche Menschen, keine schlechten Erfahrungen. Sogar mit echtem Wildlife!
Übrigens kostet in Venezuela der Liter Benzin weniger als 1 Eurocent. Dadurch gibt es keins. Zumindest an der brasilianischen Grenze, wo geschmuggelt wird.

Sogar wilde Tiere gibt es in Venezuela!

Sogar wilde Tiere gibt es in Venezuela!

Mit Stefan Zweig nach Brasilien

Auf nach Brasilen. In Vorbereitung auf das Land habe ich Stefan Zweigs Buch „Brasilien“ gelesen. Dort beschreibt er in toller Sprache und voller Liebe dieses Land, so dass man Lust darauf bekommt. Über die Ankunft (im 17. Jahrhunder) dort schreibt er: „Neugierig und friedlich drängen die Männer heran, aber insbesondere sind es die Frauen, die durch ihre Wohlgebautheit und (auch von allen späteren Chronisten dankbar gerühmte) rasche und wahllose Gefälligkeit die Seefahrer die Entbehrungen vieler Wochen vergessen lassen.” Na, dass klingt aufregend, aber auch ein bisschen bedrohlich, wegen meiner moralischen Verantwortung immerhin bin ich Lehrer, für junge Menschen verantwortlich, die in mir eine Art Vorbild sehen. Nun, oder auch nicht. Mal sehen.

Aber zuerst heißt einreisen Papierkram, Immigration, Customs, warten. Besonders an dieser Grenze. Erst einmal habe ich, gemeinsam mit hunderten anderen Reisenden, von denen nur drei weitere weiß sind, drei Stunden auf den Stempel gewartet. Aber dann kam die Belohnung, der Beamte hat in meinem vollen Reisepass, in dem ich viele Seiten mit einem Aufkleber für Stempel blockiert habe, auf eine völlig unnütze Behördenseite gestempelt und mich damit besänftigt. Ich besitze zwar 2 Pässe aber sie werden doch schnell voll, wenn man viel reist. Besonders wenn man Visa braucht. Denn eine Seite ist ein Visum. Zum Glück braucht man mit dem deutschen Pass in keinem Land Amerikas ein Visum. Das dachte ich jedenfalls, aber dazu später.

Vorher habe ich zur Belustigung der Wartenden Trompete gespielt. Jemand hat mich angesprochen, wo ich hinfahre und mir ein besonderes Ziel empfohlen. In den nächsten Tagen findet ein Musikfestival statt, ein Geheimtipp.

Musik-Festival im Nirgendwo von Brasilien

Also bin ich nach Tepequem, einem Dorf, am Ende er Welt, 100 Kilometer von der Hauptstraße nach Boa Vista entfernt, gefahren. Dort sollte einen Tag später, mitten im Nichts ein Musikfestival starten. Das durfte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Zuerst waren nur zwei Leute da und eine Gitarre aber nach und nach trafen immer mehr Leute ein – aus Brasilien, Venezuela. Es wurde eine bunte Mischung verrückter Leute. Ein toller Ort und eine Zeit zum verweilen. Das tue ich nicht so oft, beim Reisen.

Gerade dort ist mir wieder einmal bewusst geworden, in welchem Luxus ich lebe. In welcher Freiheit. Im Freien schlafen ist solch ein Luxus. Wenn man nachts Pinkeln geht, scheint einem das Kreuz des Südens auf den… Nun ja, wohin auch immer.

Das Jazz-Festival fand mitten im Nirgendwo statt.

Das Jazz-Festival fand mitten im Nirgendwo statt.

Morgens sind wir aufgewacht, haben etwas Musik gemacht, ein paar Mangos aufgelesen, damit Frühstück gemacht. Papageien flogen über uns hinweg. Es gab einen See. Das Dorf lag mitten im Nichts, unter Palmen, wie ein Oase. Paradiesisch, entspannt. Allein die zwei kleinen Märkte im Dorf gaben nicht viel Kulinarisches her. Dafür die Konzerte am Abend. Immer wieder habe auch ich meine Trompete rausgeholt und mitgespielt – bei diesem Jazzfestival in Brasilien. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Selbstbewußtwein ist eben durch mangelnde Leistung nicht zu zerstören. Aber auch die Zuhörer und anderen Musiker hatten wohl Freude daran, mit mir zu musizieren. Immerhin bin ich ja der Exot hier.
Es war ein fröhliches Fest, mir, an manchen Stellen etwas undurchsichtig. Vielleicht bin ich einfach nur zu prüde. Denn die Paare, die zusammen ankamen, paarten sich mit allen möglichen, kurz, es ging drunter und drüber. Zum Glück hatte ich ja die Liebe zur Musik, so dass ich mich raushalten konnte. Es war ein trauriges Abschiednehmen von den Menschen, mit denen man tagelang gelebt, gekocht, gebadet und getanzt hat. Aber sogar in Brasilien geht ein Fest einmal vorbei.

Der Karneval in Brasilien macht Spaß.

Der Karneval in Brasilien macht Spaß.

Brasilianischer Karneval oder der größte Wet-T-Shirt-Contest der Welt

Nur hier folgt gleich das nächste. Auf zum Karneval. Ich bin also nach Boa Vista, einer Stadt, ungefähr 200 Kilometer Richtung Amazonas weitergereist, um dort den brasilianischen Fasching zu erleben. Boa Vista ist ungefähr so groß wie Halle und die einzige Stadt der Region. Die Hauptstadt des Staates Roraima. Die nächste ernstzunehmende Stadt Manaus ist 800 Kilometer entfernt. Suely, die ich auf dem Festival kennengelernt habe, hat mich eingeladen, bei ihr zu wohnen. Also Trompete in den Rucksack und zum Umzug. Schnell habe ich mir noch ein Kostüm auf den Leib malen lassen, dann ging es los.

Auf einmal waren alle wieder da, die ich aus Tepequem schon kannte. Wir haben getanzt, im Regen. Alle bis auf die Unterhosen nass. Aber das ist kein Grund, das Fest zu beenden. Feiern hat in Brasilien oberste Priorität. Eine tolle Art, zu Leben und das Leben zu genießen. Und dann kam das Größte für mich. Ich bin auf einem Wagen, mit der Band mitgefahren und habe mitgespielt. „Legalize Marijuana“ oder „Wenn die Weißen wüßten, wie schön es ist, schwarz zu sein, würden sie sich anmalen“, waren die Texte.

Immer die gleiche Straße hoch und wieder runter. Und überall Wasser. Mir war saukalt, da will ich nicht wissen, wie es den Brasilianern ging. Aber keiner hat gekniffen. Alle haben es tapfer ausgetanzt. Es lagen kaputtgetanzte Schuhe auf der Straße, der größte Wet-T-Shirt-Contest, den ich jemals gesehen habe. Mein Kostüm war leider nur aufgemalt, so dass es sich über Hose und Asphalt aufgelöst hat. Aber was soll es.

Wenn ich auf Reisen bin, kann ich nie lange verweilen. Also hieß es von den vertrauten Menschen in Boa Vista Abschied nehmen. Auf, zum nächsten Projekt, auf nach Guyana und Surinam. Wie immer, ohne Ahnung, was mich dort erwartet, bin ich aufgebrochen. 150km zur Grenze sind schnell gemacht, doch dann fing der Stress an.

Gregors nächster Beitrag kommt bereits am Mittwoch. Wenn ihr nichts verpassen wollt, folgt uns bei Facebook oder abonniert unser Blog per E-Mail. Das geht hie rechts oben in der Seitenleiste.

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Posted by Gregor Majewski

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