Du kennst es vielleicht: Du kommst in einem Hostel und dort sind immer die gleichen Typen von Backpackern zu finden. Vielleicht liegt es an der Soziologie des Backpackens oder der des Hostels, dass sich die Leute ähneln. Damit Du vorbereitet bist, hier eine kleine satirische Zusammenfassung.

Der erfahrene Introvertierte

Der erfahrene Introvertierte hat schon mehr Länder bereist, als Du jemals auf der Landkarte eines Hostels erspähen kannst. Er redet zwar selten, ist aber grundsätzlich für jede Aktivität zu haben. Das widerspricht gelegentlich seiner Introversion und bereitet ihm schlaflose Nächte. Denn in den Kneipennächten mit anderen Backpackern ist er durchaus sozial. An einem erfolgreichen und bierseligen Abend kannst Du den erfahrenen Introvertierten sogar dabei beobachten, wie er seine Lieblinsglieder aus den Achtzigern in einer Karaoko-Bar singt. An einem schlechten Abend zieht sich der erfahrene Introvertierte zu einer frühen Uhrzeit ins Hostel zurück und schlägt dabei jede Überzeugungsargumente der anderen Backpacker aus.

Der eskapistische Hedonist

Den eskapistischen Hedonisten erkennst Du an seinem ungepflegten Bart, dessen Haare die durchschnittliche Länge deiner Kopfhaare übertreffen. Sein natürliches Schuhwerk ist kein Schuhwerk. Das erkennst Du auch an seinen schwarzen Fußsohlen. In seinem Haar findest Du ein einzelnes Dreadlock. Er versucht seinem Alltag zu entfliehen in dem er entweder Grafikdesigner, Sozialpädagoge oder Heilpraktiker ist. Er ist bei jeder Party dabei und steht als erster im Unterhemd auf der Tanzfläche noch bevor er den ersten Tequila getrunken hat. Am Rande der Tanzfläche hörst Du einiges über seine Sozialtheorien. Zurück im Hostel geht er demonstrativ nackt zur Dusche und spätestens jetzt weißt Du auch, wie lang seine Schamhaare sind. In der Nacht schnarcht er laut, denn seine oberen Atemwege verdauen noch die unzähligen selbstgedrehten Zigaretten, die er am Abend geraucht hat.

Die naive Indianerin

Die naive Indianerin ist die natürliche Partnerin des eskapistischen Hedonisten. Beide finden dies aber erst am Abend des ersten Aufeinandertreffens heraus und philosophieren über ihre Seelenverwandtschaft. Sie hat gerade ihr Abitur an einer Waldorfschule gemacht und Du triffst sie vorrangig in spanischsprachigen Ländern. Wenn Du interessante Geschichten zu erzählen hast, hängt sie förmlich an deinen Lippen und Dir wird es fast schon peinlich. Falls sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Bekanntschaft mit dem hedonistischen Eskapisten gemacht hat, solltest Du es initiieren. Das verschafft Dir so lange Ruhe, bis Du im Hostel Schlaf suchst und die beiden ihre wilden Sexpraktiken wahlweise in einem der Doppelstockbetten oder auf der einzigen Hosteltoilette ausleben. Am nächsten Tag ist dann Dein Rat gefragt, denn Sie haben natürlich nicht verhütet und suchen daher verzweifelt eine Pille danach. Gib beiden bloß nicht Deine Adresse oder vollen Namen, sonst wirst Du in diesem Moment Taufpate eines Hippiekindes!

Der stylische Aussteiger

Der Aussteiger hat Wirtschaftswissenschaften oder Informatik studiert und einige Jahre als Berater bei einer Großunternehmen gearbeitet. Nachdem er zuvor 80 Stunden-Wochen geschoben hat, hat er nun gemerkt, dass das Leben doch noch etwas anderes zu bieten hat. Er pflegt auch als Backpacker den Habitus eines Firmenmitarbeiters und sortiert seine Hugo-Boss-Hemden nach passenden Farben und führt immer auch ein paar gepflegte Lederschuhe mit sich. Auch unter widrigsten Umständen siehst Du ihn stets mit Sonnenbrille und akkurat gegelten Haaren. Vor dem Schlafengehen liest er die Biografien bekannter Unternehmer. Insgeheim ist er auf der Suche nach Geschäftsideen, denn wieder daheim will er nicht in seinen Beruf zurück und stattdessen eine erfolgreiche Kaffeemanufaktur gründen. Die Bezugsquellen für den Kaffee findet er auf seiner Reise. Am Abend trinkt er gerne ein Glas Whiskey (“With Ice, please”) und fühlt sich zu vorwiegend asiatischen Frauen hingezogen (Typ Yoko Ono).

Die Hardcore-Veganerin

Die Hardcore-Veganerin besteht darauf, selbst in den Ländern ausschließlich vegan zu essen, in denen dieser Begriff weder bisher eine Übersetzung bekommen hat, noch irgendwo schriftlich dokumentiert wurde. Die Einheimischen verehrt sie für ihre traditionelle Lebensweise und verabscheut sie für ihren Konsum tierischer Produkte. Du erkennst Sie an ihrem “Meat is murder”- Aufnäher auf ihrem schweineteuren, synthetischen Rucksack und daran, dass sie Dich ständig über Deine falsche Ernährungsweise aufklärt. Beim Hostelpersonal beschwert sie sich darüber, dass es nicht zwei Arten von Tellern und Pfannen und zwei Kühlschränke gibt, damit Sie ihre Tofu-Steaks nicht mit den selben Utensilien wie die “Fleisch-Faschisten” zubereiten muss. Falls sie über ihre Verachtung für dich doch ein Herz hat und sich mit Dir unterhält, tausche keinesfalls jemals eure Facebook-Daten aus. Sonst wird Dein Newsfeed zukünftig voll sein von grausam abgeschlachteten Hunden und Katzen und allerlei totem Getier. Mindestens einmal wöchentlich erhältst Du zudem eine Einladung eine Online-Petition gegen Schlachthäuser oder Pelztierhandel zu unterzeichnen.

Die Rollkoffer-Flashpackerin

Die Rolkkoffer-und-Schminke-Flashpackerin zeichnet sich durch ihr in jeglichen Situationen bestehendes Festhalten an ihrem Trolley und ihrer Schminke aus. Sie ist im eigentlichen Sinne auch keine Backpackerin, denn ihr Trolley wird vorzugsweise nachts über jede Kopfsteinpflasterstraße in südeuropäischen Gefilden gezogen. Ist man in ihrer Begleitung, bleibt einem natürlich nichts anderes übrig, als den Koffer für sie zu ziehen, womit einem der Hass eines jeden Anwohners vergönnt ist. Im Hostel besteht sie darauf unten zu liegen (“Ich habe Angst runterzufallen”) und breitet ihre Sachen umgehend auf dem Boden aus. Wer das Pech hat hier oben liegen zu müssen, der sollte sich eine Taschenlampe mitnehmen, denn bei einem nächtlichen Verlassen des Bettes droht sonst ein Tritt in den riesigen Schminkkoffer der Flashpackerin. Nach dem ausgiebigen Duschen föhnt sie sich gern stundenlang die Haare, so dass sogar der eskapistische Hedonist wach wird, der zuvor alle anderen Störfeuer gekonnt überschlafen hat. Beim Frühstück erzählt sie von ihren poshen Freundinnen, wobei jedes dritte Wort “like” ist und mit einem “Right?” nur rhetorisch um Bestätigung ersucht wird. Nach dem Frühstück geht sie zurück an die Haarpflege mit ihrem Glätteisen, um mittags die Orte zu erkunden, an denen einer ihrer Lieblingsfilme von Woody Allen gedreht wurde.

Der Lost-in-Translation-Expat

Der Lost-in-Translation-Expat ist ein nützlicher Teil der Backpacker-Gemeinschaft. Er wohnt meist bereits in einer anderen Stadt des Landes und macht nun seine 23ste Rundreise, um die Seele des Landes noch besser verstehen zu können. Er studiert dessen Geschichte bereits an einer Universität dort und spricht die Sprache akzentfrei, wofür er immer wieder von Einheimischen gelobt wird. Auf Reisen sozialisiert er sich notgedrungen mit anderen Reisenden, verlässt die Gemeinschaft jedoch, sobald er von einem lokalen Mafiapaten auf einen Drink eingeladen wurde. Zwischenzeitlich fungiert er als Dolmetscher für alle möglichen Probleme der Hostelgäste und liest wahlweise im Hostelbett oder in der Lobby ein Geschichtsbuch über das Land oder paukt Vokabeln. Auf den lokalen Märkten handelt er die besten Preise raus, denn er kennt den Marktwert. Er redet Dir dabei aber ein schlechtes Gewissen ein, denn er hat schon “so viel Armut” im Land gesehen. Alternativ kann es auch sein, dass er selbst kein Backpacker mehr ist, sondern im Hostel arbeitet oder dies gar betreibt.

Der Been-there-done-that-Typ

Der Been-there-done-that-Typ hat wirklich schon den ganzen Lonely Planet abgereist und klärt Dich zunächst darüber auf, wie falsch er doch ist. Er fesselt Dich (fast schon wortwörtlich gemeint) mit seinen Erzählungen über alle möglichen Reisen und gibt ohne Nachfrage unzählige Hinweise. Wenn Du seine Hinweise beachtest, wirst Du schnell feststellen, dass auch dort alles so ist, wie das vor dem er Dich gewarnt hat. Aber in seiner Überzeugung hat er die wirklich essentiellen Orte einer Reise gefunden. Falls Du keine Lust mehr auf seine utopischen Geschichten hast, such Dir denjenigen aus der Runde, den Du am unsympathischten findest und involviere ihn in das Gespräch, dann entschuldige Dich für einen Toilettengang und überlege Dir eine Fluchtstrategie, die die angenehmen Leute eures Abendausfluges involviert. Der Been-there-done-that-Typ wird beim Frühstück wieder eine atemberaubende Story für Dich haben und Dir auf die Nase binden, was für eine ultimative Erfahrung Du verpasst hast. Du darfst nun wahlweise Bedauern oder Kopfschmerzen ins Feld führen.

Fazit

Beim Backpacken trifft man schon einige skurille Typen. Aber das macht nichts, es gehört dazu. Auch Du wirst in der ein oder anderen Konstellation vielleicht zu einem dieser Typen werden. Trotzdem kannst Du mit allen zusammen auch eine tolle Zeit haben, denn manchmal stimmt die Mischung in Hostels einfach und Deine Deine Reise wird grandios. Also scheu Dich nicht einzuchecken und dem Abenteuer freien Lauf zu lassen! Ich persönlich wäre in Litauen der Lost-In-Translation-Expat und in einigen anderen Ländern der Been-there-done-that-Typ.

Welche Typen von Backpackern kennt Ihr noch? Oder welcher Gruppe würdet Ihr euch zuordnen?

Hinweis: Die beschriebenen Typen basieren zwar auf mehr oder weniger realen Begegnungen, alle Ähnlichkeiten sind aber rein zufällig.

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Posted by Peter Althaus

Hi, ich bin Peter und ich schreibe hier auf Rooksack über meine Abenteuer mit dem Rucksack in der Welt. Wenn Du mehr davon willst, folge mir auf Facebook, Twitter oder abonnier uns per E-Mail!

4 Comments

  1. Ohja, solche Flashpacker-Mädchen, die den halben Tag in der Lobby an ihrem iPhone klemmen, hab ich auch schon getroffen! Meine Lieblinge sind allerdings auch die Been-there-done-thats. Könnte ich sein 😀 oder doch eher die Introvertierte Kennerin? Achnee, ich hab ja irgendwann beschlossen, dass ich zu alt für Hostels bin 😀
    Illustre Reihe hast du da gesammelt 😉
    LG Claudi

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  2. Gut geschrieben, erinnert mich durchaus an meine Erfahrungen in Hostels!

    Ergänzend würd ich noch den Alleswisser / Nerd anführen:
    Wenn man eine Frage hat, muss man sich nur an ihn wenden. Er hat mehr als einen Reiseführer mit, unzählige Hostelbewertungen im Internet gelesen und weiß schon genau, was er die nächsten 2 Wochen Tag für Tag machen wird. Neben iPhone, iPod, iPad, Laptop und so noch einiges an praktischen elektronischen Equipment dabei. Bei der kleinsten Unsicherheit über die Wahl des Busunternehmens oder Abfahrtszeiten eine große Hilfe…

    Nur ein kleiner Teil meiner Typologie von Reisenden: http://weltblicke.at/2014/02/04/zur-typologie-von-reisenden/

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  3. Ha, sehr gute Liste. Schwer sich selbst einzuordnen, den man ist ja selten nur ein Typ. Ich denke ich habe Teile von „Der erfahrene Introvertierte“, „Der eskapistische Hedonist“, „Lost-In-Translation-Expat“ und „Been-there-done-that-Typ“.

    Grüße Matthias

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  4. Toller Artikel Peter :-)!

    Schwer sich da einzuordnen. Glaub ich bin der „Der stylische Aussteiger“ :D!

    Grüße
    Marcel

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