In Guyana gibt es nur am Küstenstreifen befestigte Straßen. Ansonsten geht es auf Pisten durch Steppe und Dschungel. Das klingt für mich aufregend und so bin ich also gleich im Grenzort losgelaufen. Nach 300 Metern ist dann schon der Asphalt vorbei. Die nächste Stadt Georgetown liegt 550 Kilometer entfernt. 460 Kilometer Piste hab ich also mindestens vor mir!

Rettung mit dem Seil in Guayana

Nach ein paar Autos und einem Motorrad, die alle ein Stück in die Savanne fahren, sitze ich endlich unter einem Strauch. Ich übe mit der Trompete, mitten im Nichts. Kein Auto, kein Mensch weit und breit. Nur Hitze und Sonne. Aber, wie immer kommt endlich Hilfe. In diesem Fall ein ganz besonderes Gespann: zwei Jeeps. Doch leider hat nur einer einen funktionierenden Motor. Der andere ist dafür mit einem ordentlichen Seil angebunden. Drei Männer, eine Frau und ich – alle mit dem gemeinsamen Ziel Georgetown.

Waschbrettpiste, wie aus dem Bilderbuch, roter feiner Staub, der in alle Poren dringt, tiefe Löcher aber gute Reggaemusik und viele Joints.

Eigentlich leben die Jungs ihr Abenteuer. Wie es Jungs eben tun. Ein technisches Spielzeug, draußen in der Natur und das Lösen von Aufgaben. Die für heute: Wir müssen das Auto auf eine Fähre bugsieren und die herausgefallene Frontscheibe neu zu fixieren.

Improvisation vom Feinsten. Das ist ja auch meine Welt. 24 Stunden haben wir auf der Straße verbracht, eine Wahnsinnstour. Guyana ist das ärmste Land Südamerikas. Das Land lebt vom Reisanbau, von Gold, Bauxit und Diamanten. Bis 1966 war es eine britische Kolonie.
Guyana ist übrigens nicht das gleich wie Guayana – so heißen Guyana, Surinam und Französich Guayana sowie Teile von Brasilien, Venezuela und Kolumbien als Region.

Moloch Georgetown

Nun sind wir endlich in Georgetown, der Hauptstadt Guyanas. Eine heruntergekommene Stadt mit 200.000 Einwohnern aber riesig und weiträumig. Sie ist von unzähligen Kanälen zerschnitten, um den sumpfigen Untergrund zu entwässern. Kanäle voll stinkenden Wassers, Mücken und Plastemüll. Direkt daneben verkaufen Frauen Früchte. Das Stadtzentrum ist zum Fürchten. Koloniale Holzbauten, die von der guten kolonialen viktorianischen Zeit künden. Sie künden allerdings auch davon, wie lange diese Zeit schon her ist.
Ansonsten Chaos, Verkehr, Dreck und eine katastrophale Architektur. Nach einer Nacht in einem zwielichtigen Hotel, dass man auch für Stunden mieten kann, habe ich mich wieder auf die Socken gemacht. Von denen ist allerdings inzwischen nicht mehr so viel übrig.

Die Socken gehen noch!

Die Socken gehen noch!

Schäbigkeit als Reiseschutz

Aber man soll die Dinge ja heiligen. Und sie haben ihren Weg bestritten, gelassen. Ohne stinkig zu werden. Und sie waren ein Geschenk. 5 Länder werden sie schon noch bestreiten können!

Außerdem denke ich, dass meine Bilanz, dass ich noch nie überfallen wurde (abgesehen von 8,50 Euro, die ich in Russland zugesetzt habe), das Resultat meines schäbigen Stiles ist. Kaum ein Einheimischer ist heruntergekommener gekleidet, als ich. Was will man da holen? So habe ich auch viele zweifelhafte Länder durchquert: Irak, Afghanistan, Pakistan, Honduras, Venezuela. Und ich habe dabei keine schlechten Erfahrungen, keine Bedrohungen, keine Verluste erlitten. Hoffen wir, dass es nicht nur naives Glück und Ignoranz der Gefahr war. Sondern göttlicher Schutz, ein freundliches Lächeln und das zurückhaltende Zeigen von Reichtum. Wie soll ich auch mit den 2 T-Shirts, die ich mithabe, einem unrasierten Gesicht und kniestigem Rucksack von der finanziellen Potenz Deutschlands zeugen?

Einfach zu Trampen in Guyana

Zurück zu Guyana. Ein gut zu bereisendes Land. Die Landessprache ist Englisch, es herrscht Linksverkehr, viele LKWs, Pick-ups, Pferdewagen, Kleinbusse, alles, was das Tramperherz begehrt.

Einen Tag später lande ich also im Grenzort zu Surinam. Eine Fähre schifft am Morgen über den Fluss. Leider nicht für mich, denn ich brauche mit meinem deutschen Pass ein Visum. Das gibt es nur in Georgetown. Also muss ich 250 Kilometer zurück und zur Botschaft. Zwei Minuten und 20 Euro für das Visum in der Botschaft, dann wieder zurück. Die Strecke kommt mir schon ausgesprochen bekannt vor. Rebeccas Lust und Calcutta, Dantzig und Cotten Tree, die Kantine, wo ich mein Essen einfach so geschenkt bekommen habe, das chinesische Restaurant, wo ich zum 2. Mal abgestiegen bin, die Hühnerfarm, wo wir lebendige Hühner gekauft haben und unzählige Stellen, an denen ich gewartet habe und gelaufen bin. Mit unzähligen LKWs, Pick ups und Autos bin ich gefahren. Unter anderem mit dem Melonentransporter. Ich kann so viele essen und mitnehmen, wie ich will, sagt der Fahrer zu mir. Leider habe ich nur zwei geschafft.

Übrigens baut dieses, so potente Land sogar Autos. Ein Wunder, dass es dieses einzige Modell, was es bisher gibt, noch nicht in den deutschen Markt geschafft hat, dabei ist doch alles dran.

Surinam ist ziemlich holländisch.

Surinam ist ziemlich holländisch.

Kurzer Trip nach Dschungel-Holland

Endlich wieder in Molton Creek. Um 7 Uhr geht es auf zur Fähre, Abfahrt 13:00 Uhr. Etwas Zeit muss man für Surinam schon mitbringen. Eine Überfahrt über den Fluss. Surinam ist ein weiteres merkwürdiges Land. Die Amtssprache ist Holländisch. Das wirkt schon etwas merkwürdig. Schwarze, Inder und Indianer, alle sprechen Niederländisch. Das einzige, was ich kann ist „Eck heet Chrechor“ und „Kankje well“. Aber ich kann es vielfältig einsetzen. Die Strecke nach Paramaribo ist hingegen weniger vielfältig. Eher eintönig. Erst ein bisschen Regenwald, dann Reisfelder, Bananenplantagen und Kanäle. Zig Kilometer geradeaus, dann eine 90 Grad Kurve und wider 15 Kilometer geradeaus. Paramaribo ist ein netter Ort. An vielen Stellen sieht es wie in Amsterdam aus.

Der Präsidentenpalast von Surinam in Paranamibo.

Der Präsidentenpalast von Surinam in Paranamibo.

Gepflegt, viele weiße, viele Holländer, viele Bars. Ich langweile mich und trete die Rückreise an. Alles, in umgekehrter Richtung bis Boa Vista in Brasilien. Denn, wenn man die Küste weiterfährt, durch französisch Guyana, weiter nach Brasilien, ist man an der Ostküste. Es gibt nur den Amazonas in Richtung Westen. Die Fahrt bis nach Peru würde von dort zwei Wochen dauern. Da ist der Weg über Manaus bedeutend schneller. Noch schnell ein Abschiedsfoto.

Da fällt der Abschied von Surinam doch etwas schwerer.

Da fällt der Abschied von Surinam doch etwas schwerer.

Mückenplage und die schnelle Weiterreise

Eine Nacht verbringe ich mitten im Nichts – zwischen Reisfeld, Bananenplantage und Kanälen. Es ist eine der schrecklichsten Nächte meines Lebens. Und dazu eine sehr blutreiche. Ich töte in meinem Moskitonetz 252 Mücken. Noch einmal so viele stechen mich. Am Ende schalte ich die Kopflampe aus und ergebe mich meinem Schicksal.

Am nächsten Morgen ging dafür alles ganz schnell: Zurück nach Georgetown, vorbei an Bauxitminen nach Linden und wieder auf die Piste. Zuerst fahre ich mit alten Militär-LKWs mit. Praktischerweise haben die Halterung für das MG auf dem Dach. Immer sind sie mit Unmengen Diesel unterwegs zu den Goldsuchercamps und Diamantenmienen im Dschungel. Immer lassen sie mich irgendwo, mitten im Nichts raus. Immer geht es weiter. Es folgen ein geplatzter Reifen und eine Übernachtung auf der Terrasse eines Restaurants im Dschungel. Den Abend verbringe ich mit Goldsuchern, die die Nuggets aus der Hosentasche ziehen und bewundern.

Die letzen 350 Kilometer sitze ich auf einem Pickup. Meine Hände schmerzen vom Festhalten  an der Ladefläche auf der schlechten Piste. Auch habe ich mir meinen ersten Sonnenbrand geholt und ich bin dreckig wie ein Schwein.

Die Fahrt bleibt rasant. Leider muss man aber hier auf dem Trip durch den Urwald auch sehen, wie sich die gefällten Tropenhölzer aufstapeln. Aber man sieht auch die wunderschöne Vielfalt der Natur: Über Holzbrücken fahren wir, Riesenpapageien, Wasserschweine, bunten Vögel aller Art. Sogar einen Affen sehen wir – allerdings wurde er überfahren und liegt neben dem Straßenrand.

Zurück in Boa Vista nimmt mich Suely, bei der ich schon vor einer Woche untergekommen bin, wieder auf. Sie macht mir ein Bett, ich kann duschen  und ihre Waschmaschine nutzen. Himmlisch. Ich bin wieder in der Zivilisation. Auf nach Manaus, auf zum Amazonas!

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Posted by Gregor Majewski

Hi, ich bin Gregor und schreibe hier auf Rooksack über meine Abenteuer per Anhalter in der Welt. Ich mache jedes Jahr einen längeren Trip und schreibe hier für euch. Wenn ihr mehr davon lesen wollt, dann folgt uns doch auf Facebook, Twitter oder abonniert uns per E-Mail!

One Comment

  1. Lieber Gregor,
    vielen Dank für deine Nachricht. Wir verfolgen mit viel Spannung deine Schilderungen. Zuweilen bleibt uns dabei der Mund offen stehen angesichts dessen, was du alles erlebst. Wie eintönig erscheint uns da unser trautes Familienleben ;o). Ich habe mir erlaubt, deine Reiseberichte auf meinem Blog zu verlinken – natürlich mit dem entsprechenden Hinweis auf Rooksack. Wir wünschen dir weiterhin eine gute Reise!
    Liebe Grüße, Gabi

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