Ich war im vergangenen halben Jahr sehr damit beschäftigt, endlich meine Diplomarbeit zu schreiben. Ich hab es relativ leise erledigt, da ich keinem Reiseblogger die Chance geben wollte, am Blog vor der Untersuchung etwas zu ändern. Der Titel sagt vielleicht auch, warum ich so still war: „Heile Welt – Schleichwerbung und das Trennungsgebot zwischen Redaktion und Anzeigen in Reiseblogs“. Das Thema Schleichwerbung in Reiseblogs ist durchaus kontrovers. Und auch die Ergebnisse sind für mich eher wenig überraschend gewesen aber dennoch alarmierend. Zumal nicht viele Blogger überhaupt die Gesetzeslage bezüglich Werbung in Blogs kennen. Ich habe hier mal die wichtigsten Fakten aus der Inhaltsanalyse der 20 Reiseblogs zusammengetragen.
Die Blogs
Reiseblogger-Kodex
Den Kriterien des Reiseblogger-Kodex fühlen sich insgesamt 16 von 20 überprüften Reisebloggern verpflichtet. Damit kann also auf eine Mitgliedschaft von 80 Prozent geschlossen werden, was zumindest für die Top-Blogs dieses Bereichs eine hohe Quote ist.
Formen von Werbung in Reiseblogs
Die eine oder andere Form von Werbung haben insgesamt 18 von 20 Bloggern auf ihren Blogs eingebunden. 75 Prozent der in der Stichprobe überprüften Reiseblogger werben auch mit einer Werbeleistungsbeschreibung, meist als Mediakit, aktiv um Werbekunden.
Formen der Werbung
Folgende Werbeformen werden in den Blogs eingesetzt:
Textlinks: 17/20
Sponsoring oder Markenbotschafter: 11/20
Affiliate-Links: 8/20
Bannerwerbung: 3/20
(Gewinnspiele: 15/20)
In der Hälfte der Blogs (10/20) tauchen Werbepartner aus einer angegebenen Zusammenarbeit auch im redaktionellen Content des Blogs auf. Einen Hinweis zur Zusammenarbeit gibt es hier nicht.
Inhaltsanalyse der einzelnen Blogposts
Insgesamt wurden im Rahmen der Inhaltsanalyse 451 Beiträge von 20 deutschen Reiseblogs aus dem Zeitraum von August bis September 2014 analysiert.
Beitragstypen
Nahezu die Hälfte aller Beiträge waren Reiseberichte. 199 Posts (44,1 Prozent) waren damit direkte Berichte von Reisen, die die Autoren unternommen haben. 35 (7,8 Prozent) der Artikel beinhalteten als Ratgeberartikel Tipps rund um das Thema Reisen. Produkte wurden in 58 Blogposts (12,9 Prozent) speziell getestet. Hierzu gehörten auch Hoteltests und Test von speziellen Dienstleistungen. Persönliche Erzählungen und Kommentare waren das Hauptmotiv für 49 Beiträge (10,9 Prozent). Eine eher geringere Rolle spielten reine Fotoposts (25; 5,5 Prozent) und Videoposts (4; 9,9 Prozent).
Unternehmen und ihr Einfluss auf die Beiträge von Reiseblogs
Von den 451 Beiträgen in den Reiseblogs enthielten 47,7 Prozent (215) einen Link zu einem Unternehmen.
Bei 38 Beiträgen (8,4 Prozent) wurde ein Produkt zur Verfügung gestellt.
Bei 35 Beiträgen (7,8 Prozent) handelte es sich um einen Reisebericht, bei dem die Reise zumindest zum Teil von Unternehmen oder Destinationen unterstützt wurde.
128 Beiträge beruhten komplett auf Einladungen von Unternehmen und Destinationen und zählen damit als Bloggerreisen.
Weitere 38 Artikel (8,4 Prozent) waren gesponserte Beiträge und Advertorials.
Lediglich 199 Beiträge (44,1 Prozent) entstanden ohne eine Unterstützung durch Unternehmen.
Wert der Leistungen
Von den Unterstützungen waren 51 Beiträge (11,3 Prozent) im Rahmen von Unterstützungen mit einem geschätzten Wert von über 1000 Euro entstanden. Für weitere 43 (9,5 Prozent) erhielten die Blogger Unterstützungen im Wert von 500 bis 1000 Euro. Mit einer Reise oder einem Produkt oder einer Anzeige im Wert von 100 bis 500 Euro wurden 126 (27,9 Prozent) der Beiträge kofinanziert.
Noch weitere 19 (4,2 Prozent) bekamen eine Unterstützung von 10 bis 100 Euro. Nur ein Beitrag bezog sich auf eine Unterstützung von unter 10 Euro.
Transparenz der Beitragsentstehung
Im Unterschied zur Kennzeichnung wurde hier erfasst, ob die Beiträge Angaben über die Entstehung des Beitrags beinhalteten. Die Kennzeichnung bezieht sich nur auf die gesetzlich korrekte Trennung von Redaktion und Anzeige, während die Transparenz eine Erklärung über die Entstehung der jeweiligen Beiträge verlangt.
Dabei sind für 190 Beiträge (42,1 Prozent) keine weiteren Erklärungen notwendig gewesen, da diese auf Eigeninitiative entstanden.
Bei weiteren 24 Posts (5,3 Prozent) war eine genaue Erklärung über die Entstehung bereits vorhanden. Dies beinhaltete eine Darlegung, welche Leistungen genau nicht selbst getragen wurden.
Bei 145 Beiträgen war immerhin eine ungenaue Erklärung vorhanden, die Aussagen über ein Einladung oder eine Kooperation enthielt.
Dennoch ließ mehr als jeder fünfte Beitrag (20,4 Prozent) jegliche Erklärung über eine Entstehung vermissen, obwohl diese nötig gewesen wäre. Immerhin 92 Posts sind somit nicht transparent entstanden.
Insgesamt sind Reiseblogs aber damit zu 80 Prozent transparent, was ein sehr hoher Anteil im Vergleich mit anderen Medien ist.
Anzeigen und ihre Kennzeichnung
In Bezug auf die gesetzlich korrekte Kennzeichnung, die aus der theoretischen Fundierung dieser Arbeit zu entnehmen ist, ließ sich feststellen, dass für immerhin 375 Beiträge und damit 83,1 Prozent keine Kennzeichnung notwendig haben.
Jedoch waren ganze 53 Beiträge (11,8 Prozent) gar nicht gekennzeichnet und nicht mit dem Titel „Anzeige“ bezeichnet. Korrekt gekennzeichnet hingegen mit dem Wort Anzeige in Posttitel oder am Anfang des Posts war hingegen kein einziger gesponserter Beitrag. Lediglich zehn Beiträge enthielten wenigstens eine Kennzeichnung mit „Gesponserter Beitrag“ oder ähnlichen Worten irgendwo im Post.
Auch waren immerhin 13 Beiträge (2,9 Prozent) mit Affiliatelinks nicht gekennzeichnet. Hier ist die Gesetzeslage, wie erläutert, jedoch weniger eindeutig.
Passendes Thema
Zu den vorhergehenden Ergebnissen passt auch die Statistik, dass 37 Artikel von 451 (8,2 Prozent) überhaupt nicht zum Thema oder Ergänzungsthema des Blogs passen und somit an der Zielgruppe vorbeigehen.
Sprache und Kritik
Bei der Überprüfung auf Kritik in den Blogposts wiesen 52 Beiträge (11,5 Prozent) eine Form der Kritik auf. Somit enthielten 88,5 Prozent (399) der Beiträge nicht einmal einen einzigen Satz der Kritik in Bezug auf das Erlebte oder Getestete.
Demgegenüber fanden sich Anzeichen von Werbesprache (hierzu gibt es im Theorieteil der Diplomarbeit eine Definition) in 147 Beiträgen. Das entspricht 32,6 Prozent. 67,4 Prozent der Beiträge blieben hingegen frei von Werbesprache.
Bei der Häufung der positiven und negativen Formulierungen in den Blogposts zeigt sich ein ähnliches Bild. 316 Artikel enthielten häufig positive sprachliche Formulierungen. Das entspricht 70,1 Prozent. Lediglich 3,3 Prozent der Beiträge enthielten gehäufter negative Formulierungen.
Ursachen
Kennzeichnung von Selbstständigen und Nicht-Selbstständigen
Durch statistische Untersuchungen konnte aufgrund der geringen Größe der Stichprobe lediglich ein signifikanter Unterschied festgestellt werden. Es zeigte sich, dass Nicht-Selbständige ihren Blog signifikant häufiger kennzeichnen.
Keine signifikanten Unterschiede konnten dabei für einzelne Berufsgruppen festgestellt werden. So kennzeichnen Blogger, die Journalisten waren oder sind, nicht deutlicher kennzeichnen als andere Berufsgruppen.
Reiseblogger-Kodex hat wahrscheinlich keinen Einfluss auf Kennzeichnung
Auch für die Mitgliedschaft im Reiseblogger-Kodex ließ sich kein signifikanter Unterschied feststellen. Dies kann an der Größe der Stichprobe liegen oder daran, dass der Kodex das Verhalten der Reiseblogger in Bezug auf die Kennzeichnung nicht positiv beeinflusst.
Gleiches gilt für den Faktor Blogalter.
Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse zur Untersuchung zu Schleichwerbung in Reiseblogs
- 90 Prozent der Blogs nutzen mindestens eine Form der Werbung in ihren Blogs
- 44 Prozent der Beiträge sind tatsächliche Reiseberichte
- Knapp die Hälfte der Beiträge entstand mit Unterstützung von Unternehmen und Destinationen
- Bei mehr als jedem zehnten Beitrag entstanden für die unterstützenden Unternehmen Kosten von mehr als 1000 Euro
- Keine einzige Werbung war korrekt mit dem Wort „Anzeige“ gekennzeichnet
- Bei 80 Prozent der Beitrage war ersichtlich, wie diese entstanden sind
- Fast jeder zehnte Beitrag hatte keinen Bezug zu den Themen des Blogs
- Nur in 11,5 Prozent der Beiträge fand sich überhaupt eine kritische Äußerung.
- In rund jedem dritten Beitrag fand sich jedoch Werbesprache wieder.
- Nicht-Selbstständige kennzeichnen Werbung in ihren Blogs besser oder haben erst gar keine Werbung im Blog.
- Eine Mitgliedschaft im Reiseblogger-Kodex hat keinen signifikanten Einfluss auf die korrekte Kennzeichnung der Werbung
Hinweis: Die vollständige Diplomarbeit wird mit Abschluss der akademischen Bearbeitung durch die Diplomarbeitsgutachter veröffentlicht. Ein Link wird dann zeitnah hier zu finden sein.



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